Silbermondschein
In jahrhundertlange Vergesslichkeit ist er geraten, aber ich habe mich erinnert an meinen Silbermondschein – in der Nacht der lunearen Träume, die keine Grenzen und kein Pardon kennen. Da war die Weite und die Freiheit – adlergleich im Tanz unter dem blanken und klaren Himmel. Sie haben mich berührt, mir meine Unabhängigkeit vor Augen geführt. Frei bin ich von der Idee einer falschen inneren und äußeren Welt, lange systemisch gefangen, bewege ich mich langsam durch die Lichtund Schattenfelder in der Ignoranz des Verlorenen und dem Strahl des Wieder-Entdeckten. Traum und Trauma: List der Sprache. In der Luft geschmissene Glasspiegelperlen menschengroßes Volumen. Schattenvogel über der Steingrotte. Gläsern- zerbrechliches Innen-Drinnen, aber silbermondgrau. Steinalt mit einem Mal geworden und immer jungfräulich. Beides mit einem Schlag oder Schlägerei? Code des Geheimnisses in einer nackten Nacht. Schleier der Hungrigen und Durstigen. Engelswerk. Segen von oben in einer Regenfinsternis, da die Tropfen laut an meinem Schlafzimmerfenster läuten, pochen und wach-klopfen. Schlaftrunken bis um Mitternacht, wenn die Tür zur anderen Welt unter der Haut dünnig ist. Die Dunkelheit dünnt die Angst ein, weitet die Freiheit. Silbermondschupfen. Traum inversiv. Hoffnungkaviar und Herzgold beglücken. Einzig der Silbermondtraum mit hellwachen Zungensinnen zieht seine Spuren durch die Körperlandschaft. Eiserne Ladys lassen ihre Ketten sprengen und Narzissten entdecken die Liebe. Hiebe der Veränderung, die das Tageslicht einmal überstehen müssen – Mutters Brust endgültig verlassen, des Vaters Existenz eine Zwischengeburt. Wege zur Erlösung. Entrümpelt von gesellschaftlichem Konsens, parallel in der Urwahrheit des Seins. Alpha und Omega. Freiheit hat goldenen Boden. Spürt sie, seht sie, hört sie und zieht die Konsequenzen um ihrer selbst willen. Traumata. Traum und Raum – hell und rot mit eingegipstem Schädel. Urmeer des Silbermondgaumens. Spiegel der Sonne. Lichtkonvolut durch das pasterzenhafte Raunen und Staunen. Ich bin da im Schaum meines Willens. Lichtund Schattenfelder – teil-gebärdet. Kettenglieder in der Hand. Fesselreste am Fuß. Los-getanzte Sklavin im Silbermondrhythmus. Sphärengleiter. Atemhauch statt Atemhecheln. Trostpflaster der rufenden Steine, vorgestern gesammelt. Glattgeriebe von der Witterung. Wasserreibeisen mit Liebeswalzer und Feuertango. Die meisten Gleichungen stimmen, die Gleichnisse auch. Einkehrende Gerechtigkeit: rechtlich ohne Bestand und Verfasstheit. Geburtsdenkmal am Holzofen. Aschenansammlung. Verbranntsein von vielem nicht mehr Gültigem. Silbermondraunen in der Rauchschwade der Erinnerungen an ur-damals. Hexenverbrennung, Kriegszustände, Unfrieden ziehen Leine. Imaginäres Kerzenlichtleuchten. Feuchte Taverne zwischen den Beinschenkeln. Die Libido der prallen Weiblichkeit erwacht. Pheromone schlendern durch die Gassen. Funkelndes Glashaus. Brennende Luftkanister von Erdhaufen zu Erdhaufen in der Weite des erlösenden Lustschreies. Drehkegel einer wiederund wiederkehrenden Geburt. Gurt im Dunkeln, Freiheit der Fühlenden, Freiheit der in sich frisch Bemalten, Freiheit der Überraschten. Allen Freiheit. Silbermondruf. Puff einer Unerhörten – die Aorta schlägt.
Foto: Ruth Weismann