Drei Klosterschwestern aus Goldenstein «besetzen» ihr Kloster und werden weltberühmt.

Drei Klosterschwestern aus Goldenstein «besetzen» ihr Kloster und werden weltberühmt. Ist ein selbstorganisiertes und altersgerechtes Leben in den alten Gemäuern möglich? Wir haben die Schwestern Rita, Regina und Bernadette besucht.

TEXT: LISA BOLYOS & RUTH WEISMANN FOTOS: LISA BOLYOS

Wenn man eine Madame ist, dann braucht man vielleicht große Zimmer und ein eigenes Bad, sagt Schwester ­Bernadette. Aber doch nicht als Nonne! «Eine Schwester lebt bescheiden: Entweder man geht ins Kloster oder eben nicht.» Schwester Bernadette sitzt im zweiten Stock von Schloss Goldenstein auf ihrem Rollator. Gemeinsam mit ihren zwei Mitschwestern stellt sie sich heute schon wieder den Fragen von Journalist:innen, die seit knapp vier Wochen wissen wollen: Warum sind sie aus dem Altersheim abgehauen und «besetzen» nun ihr altes Kloster? Und warum dürfen die drei über 80-Jährigen hier, wo sie seit ihrem Eintritt als Novizinnen gewohnt und gearbeitet haben, nicht einfach ihren Lebensabend verbringen?

Ein Schloss wie aus dem Märchen – nur dass hier statt den 3 Räubern die 3 Nonnen wohnen

Es geht in ihrer Geschichte um Hierarchien in der Kirche, um die Macht von Männern und um Frauen, die für ihr Recht kämpfen. Aber es geht auch um die große Frage, die uns alle betrifft: Wie können wir alt werden, ohne dass uns irgendjemand die Entscheidungsmacht über unser Leben nimmt?

Augustiner-Chorfrauen Österreichs, Regina, Rita und Bernadette, waren bis zu ihrer Pensionierung in der – mittlerweile gemischten – Schule tätig. Im März 2022 wurde das Anwesen in der Goldensteinstraße 2 zu gleichen Teilen an die Erzdiözese Salzburg und an das Chorherrenstift Reichersberg übergeben. Die Gemeinschaft der Augustiner-Chorfrau-

en war aufgelöst worden, zu wenige waren übrig, Nachwuchs gab es schon lange nicht mehr. «Es heißt, ein Orden päpstlichen Rechts muss zumindest aus sechs Schwestern oder Brüdern bestehen», sagt Schwester Bernadette. «Aber wer bibelfest ist, weiß: ‹Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen›. Und wir sind drei.» Nun mögen drei zu wenig sein für ­einen Orden – für eine Besetzung sind es gerade genug. Seit Anfang September leben die drei Klosterschwestern extralegal im Kloster; so sieht es zumindest der Propst von Stift Reichersberg, Markus Grasl. Mit der Übernahme von Goldenstein sind die drei Chorfrauen nach kanonischem Recht, dem Rechtssystem der katholischen Kirche, in seine Obsorge gekommen. Ein Vertrag regelt zwar ihr lebenslanges Wohnrecht im Kloster Goldenstein, wie es auch dem Grundsatz der «Stabilitas loci» entspricht, nach dem die Augustiner-Chorfrauen leben. Allerdings ist da ein kleiner Zusatz, leicht zu überlesen: «solange gesundheitlich sowie geistlich vertretbar». Wenn wir Schwester Bernadette heute darauf ansprechen, gerät sie in Rage: «Dieser eine Absatz hebt alles auf, was in dem Vertrag steht.» Die Schwestern fühlen sich betrogen. Es war Ende 2023, als zwei von ihnen, Bernadette und Regina, nach einem Spitalsaufenthalt in das Altersheim Schloss Kahlsperg verbracht wurden. «Im Nachthemd», wie Bernadette sagt. Die dritte, Rita, wurde nach einem Besuch im Augustiner-Kloster in Essen Anfang 2024 nicht mehr zurück nach Hause gebracht, sondern ebenfalls nach Kahlsperg. «Wir sind an Goldenstein vorbeigefahren, ich wollte etwas sagen, aber der Fahrer ist mir zuvorgekommen: ‹Schwester Rita›, hat er gesagt, ‹Sie können nicht mehr ins Kloster zurück.› Da war meine Seele ganz tief unten.»

Harald Schiffl, der Propst Grasl in der Außenkommunikation vertritt, sieht die Sache naturgemäß anders: Die Entscheidung musste getroffen werden, schreibt er, «auch aus Nächstenliebe». Die Schwestern seien «auf dringenden ärztlichen Rat» ins Altersheim gebracht worden. «Selbstverständlich wurde mit den Schwestern über die Übersiedelung gesprochen.» Schiffl ist Gesellschafter der clavis Kommunikationsberatung GmbH. Wofür das Unternehmen steht, kann man auf der einladend gestalteten Website nachlesen: «Professionelles Kommunikationsmanagement ist der Schlüssel, mit dem Unternehmen und Organisationen ihre Interessen durchsetzen, das Image formen oder Krisen unbeschadet überstehen.» Ob Propst Grasl diese Krise unbeschadet übersteht, wird sich weisen.

Fast zwei Jahre verbrachten die drei Klosterfrauen in der von der Caritas Salzburg und damals auch noch der Casa Leben im Alter gGmbH betriebenen «Seniorenresidenz». Sie seien, jede für sich, «immer weniger geworden», sagt Christina Wirtenberger, eine ehemalige Klosterschülerin in Goldenstein, die die Schwestern regelmäßig im Altenheim besuchte. Die Gesundheit der Schwestern, die laut Propst Grasl im Kloster in Gefahr sei, habe sich gerade dort verschlechtert. Regina, so erinnern sich ihre Mitschwestern, sei bettlägrig und direkt depressiv geworden, hätte kaum mehr gegessen, nichts habe ihr mehr geschmeckt. Mit Tränen in den Augen erinnert Bernadette sich an die Sorgen, die sie sich um ihre Mitschwester gemacht hatte. «Ihre Triade wurde dort auseinander­ gerissen», sagt Christina Wirtenberger. Schlussendlich war es eine Gruppe ehemaliger Klosterschülerinnen, die dem Spuk ein Ende bereiteten. «Bei einem Klassentreffen hat eine Freundin zu mir gesagt: Christina, wir müssen irgendetwas tun. Die können dort nicht bleiben.» Es dauerte nur ein paar Wochen, bis ein Plan gefasst wurde. Beim Wiederbetreten des Klosters half ein Schlüsseldienst.

«Ich habe gesagt, ich sterbe garantiert nicht in dem Altenheim»

Schwester Bernadette

Luftsprünge. Schloss Goldenstein ist ein Haus, zusammengestückelt über viele Epochen, dessen Architektur nicht auf den ersten Blick durchschaubar ist. Auf der einen Seite die Schule mit modernen Anbauten, auf der anderen der Zubau des Wohntrakts und die Kapelle. Im Hof ordiniert eine Ärztin.

Lässt sich weder unternoch rauskriegen: Sr. Bernadette