«Das erste Mal nicht unterdrückt»

In Wiens erstem selbstverwalteten Jugendtreff, die GaGa, lebten rund achtzig junge Punks. Der heute 70-jährige Vali, der ein Punk-Archiv sein Eigen nennt, erinnert sich an die wilden 1980er-Jahre.
TEXT: KERSTIN KELLERMANN FOTO: MICHAEL BIGUS
Ein Zirkuszelt am Gelände des Wiener Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe! Punkbands, wie Die Böslinge, die 1981 am Steinhof auftreten! «Dirt Shit lösten sich leider schon 1980 auf», erzählt Vali, der behauptet, einer der ersten Punks in Wien gewesen zu sein. Wie als Beweis zeigt er ein Plakat von dem Zirkuszelt-Auftritt am Smartphone her. In Wien gab es in den 1980er-Jahren die Bands Chuzpe, Pöbel, die Frauenband AGEN 53 und die Mordbuben AG. Beim Interview beschreibt Vali die GaGa so: «Die Gassergasse war ein großes Gebäude, eine ehemalige Milchfabrik. Es gab eine Schule, ein Hippie-Beisl, eine Autowerkstatt und das Punkbeisl.» Die Punks seien für die Sozialarbeiter:innen das Letzte gewesen. Aber die «Schnorrer im ersten Stock», die von Entrümpelungen lebten, hätten die jungen Punks unterstützt. Im Punk-Proberaum im Keller gab’s ein Matratzenlager. Da übernachteten solche Punks, die nicht heim konnten.» Das autonome Kulturund Kommunikationszentrum Gassergasse war von der Stadt Wien 1981 unterschiedlichen Gruppen zur Selbstverwaltung übergeben worden.
Vali ist heute 70. Als Jugendlicher war auch er in der GaGa
Gröbere Eltern Probleme. Kurz darauf wurde die GaGa vom Soziologen Herbert Grabner wissenschaftlich untersucht. Mit 40 Jahren Verspätung wurde seine Studie jetzt erstmals veröffentlicht. Darin erzählt ein 16-jähriges Mädchen: «Des hab i noch nie vorher erlebt, des Verständnis von de Leut …, und durt warn solche Leut, die genau dieselben Probleme ghabt ham wie i …, i bin mir des erste Mal ned unterdrückt vorkummen.» Auffällig ist, dass um die achtzig sehr junge Punks die Gassergasse bevölkerten, alle zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt. «Einer war sogar erst vierzehn», erzählt Vali, «der ist heute Tätowierer.» Nicht wenige Punks kamen damals aus einer Hauptschule im 3. Bezirk, so auch die Band Dead Nittels. Die meisten hatten ganz normale Eltern aus Arbeiter:innenfamilien und hielten sehr zusammen. Manche junge Punks hatten aber schon gröbere Probleme im Elternhaus. Einer der im Buch Interviewten wurde schon mit fünf Jahren bei der Kinderübernahmestelle abgegeben. «Meine Mutter konnte sich mich nicht mehr leisten», sagte er mehrmals! Als Jugendlicher darf er nur drei Wochen im Obdachlosenheim bleiben, und eine Anmeldung war in der GaGa nicht möglich – daher waren staatlicherseits die Punks Obdachlosen quasi gleichgestellt.
«lumpenproletarische Selbststilisierung» drehte. So dachte der Autor damals, dass sich in der GaGa die Unterschicht emanzipierte – eine These, die er im neu geschriebenen Vorwort nicht mehr teilt. «I hab des überhaupt ned glauben können, wie s’ die GaGa abgrissen haben … es war irgendwie a eigene Wöld … a Häuserblock … des Schönste, was ma si vorstellen kann … und i hab des erste Mal in meinem Leben a Z’haus ghabt. Und jetzt ist alles aus», beschrieb eine junge Frau ihre Gefühle nach der Räumung. Ein «willkommener» Anlass für die Räumung sei gewesen, dass die Punks von einem ihnen suspekten Mann aufgehetzt wurden, brennende Reifen auf die Straße zu werfen, erzählt Vali. «Da sind die Autofahrer natürlich ausgezuckt. Nach der Räumung merkten die Punks, dass sie reingelegt worden waren.» Im Juni 1983 wurde die GaGa geräumt – es gab über 100 Festnahmen! – und das Gebäude sofort mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Valis Opa war Sozialist und beim Schutzbund aktiv. Andere Punks hatten Vorfahren, die als «Jenische» oder «Politische» im Widerstand oder im KZ waren. Die ständige Auseinandersetzung mit Nazis kommt auch im Buch vor: «Die Skinheads san unguade Typen. Nazis, die stehn auf den Panenka (Antonín Panenka: Tschechoslowakischer Fußballspieler, Anm.) und san selber Rassisten.» Oder: «Das Faschistische an unserem System lehnt dieser Punk ab. Er bekennt sich dazu, die Gesellschaft zu hassen. Bürgerkrieg ist o. k., Atomkrieg ned, wär mir oba a wurscht.» ■
«Meine Mutter konnte sich mich nicht mehr leisten»
GaGa-Punk

Herbert Grabner: Die Punks der Wiener Gassergasse. Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984 Bibliothek der Provinz 2025 200 Seiten, 22 Euro
Der schönste Häuserblock. Das Buch ist erstaunlich, wenn man von der zeitgemäßen soziologischen Einschätzung aus 1983/1984 (!) absieht, die sich um «Delinquenz» oder um
In Wiens erstem selbstverwalteten Jugendtreff, der GaGa, lebten rund achtzig junge Punks. Der heute 70-jährige Vali, der ein Punk-Archiv sein Eigen nennt, erinnert sich an die wilden 1980er-Jahre.
Herbert Grabner: Die Punks der Wiener Gassergasse. Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984 Bibliothek der Provinz 2025 200 Seiten, 22 Euro
