
TUN & LASSE
Drei aus dem Qwien-Team: Max Sohm, Hannes Sulzenbacher, Harriet Leischko
«Ein sehr breiter Begriff von queer»

Seit dem Sommer residiert das Qwien in Margareten. Gegründet als Graswurzelarchiv ist es heute Museum, Forschungsstätte und Veranstaltungsraum mit hohem Anspruch und viel Humor.
TEXT: MAGDALENA MAYER FOTOS: CAROLINA FRANK
Der neue «Scanner-Ferrari» ist eines der ersten Dinge, die Hannes Sulzenbacher in den Räumen des Qwien in der Ramperstorffergasse zeigt: eine Anschaffung für das Depot in der obersten Etage der im Juni bebezogenen Räumlichkeiten in Margareten, von der Sulzenbacher sichtlich selbst ein bisschen beeindruckt ist. Sie sei nötig gewesen, um Archivstandard herzustellen, denn nach dem Umzug aus dem 4. in den 5. Bezirk spiele man jetzt in einer anderen Liga. Schon seit 2011 leitet der Theaterwissenschaftler und Ausstellungskurator (dessen zweites Standbein das Jüdische Museum Wien ist, wo er als Chefk urator arbeitet) zusammen mit dem Historiker Andreas Brunner das Qwien. Damals haben sie es als Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte gegründet: «Das war ein kleines Graswurzelarchiv», erinnert Sulzenbacher an die Anfänge.
Vom Archiv zum Zentrum. Mittlerweile wurde das Projekt in «Zentrum für queere Kultur und Geschichte umbenannt» und «ein sehr breiter Begriff von queer darübergelegt», holt er nun beim Rundgang in Margareten aus: Queer sei für sie ein wandelbarerer Begriff, der vieles beinhaltet und ermöglicht. Mit dem Standortwechsel machten sie nach der Namensund Schwerpunktänderung einen weiteren Schritt hin zu einer Neuausrichtung. Qwien ist mit 900

Quadratmetern auf zweieinhalb großzügigen Stockwerken merklich größer geworden. Die Stadt hat diese Schaffung eines queeren Kulturzentrums mit Finanzierung aus dem Kulturund Bildungsbudget und mit Projektförderung unterstützt. Auch das Team hat sich um rund zwei Drittel vergrößert: Es gibt viel zu tun, stabile Strukturen wollen aufgebaut und die Kommunikation nach außen wohlüberlegt werden. «Nach der Übersiedelung stehen wir auf breiteren Beinen, wir wollen jetzt auch als eines der Wiener Museen wahrgenommen werden», sagt Sulzenbacher. Zur Eröffnung plakatierten sie in knalligem Rosa quer durch Stadt «We’re here, we’re Qwien» (ausgesprochen werde das wie «Queen»), außen am Haus wehen seitdem bunte Fahnen mit dem Logo. Jetzt sichtbarer zu sein, sei schon ein Statement, und der Auftrag, die neue Museumsauszeichnung zu erfüllen, momentan eine der wesentlichen Aufgaben.
Minderheitenfragen) und neben dem Scanner noch etwas, womit Sulzenbacher «ein wenig aufschneiden kann»: Hier hätten sie die «vermutlich drittgrößte Zeitschriftensammlung Europas» zur queeren Geschichte, die inzwischen zur Gänze inventarisiert und online recherchierbar ist, «dank unserer Schar an Praktikant:innen und wissenschaftlicher Mitarbeiter:innen», die sich bei ihnen immer wieder melden würden. Studierende haben hier außerdem Platz für Recherchen und Seminare. Weiter unten im Haus ist die Bibliothek eingezogen, nun nicht mehr begengt wie im alten Gebäude. Tatsächlich ist im neuen Haus derzeit überall «Luft nach oben», sagt Sulzenbacher und führt das an einem Kasten in der Bibliothek vor, den er des Lichtschutzes wegen erst auf Anfrage aufsperrt und in dem noch viel Platz frei ist. Hier lagern die wertvollsten Bücher des Hauses, erklärt der Leiter und sucht die «Aslan-Bibel»: Raoul Aslan, im zwanzigsten Jahrhundert Schauspieler am Burgtheater und frommer Christ, vermerkte darin Widmungen an seinen Lebensgefährten Tonio Riedl, der dann auch Bemerkungen hineinschrieb. «Ein sehr emotionales Stück». In den Regalen nebenan reiht sich die VHS-Kassetten-Sammlung neben Klassiker der Sexualwissenschaftlichen Literatur und nischige Romane; die Büchersammlung umfasst an die 10.000 Exemplare, «grundsätzlich sammeln wir alles, wir wissen ja nicht, mit was sich die Forschung in Zukunft auseinandersetzen will». Sammlungsstücke haben es auch in die Etage mit den Büroräumen von Qwien geschafft: Möbel vom österreichischen Modeschöpfer Fred Adlmüller oder eine der Venus von Villendorf nachempfundene Statue, eine Spende aus der Türkis Rosa Lila Villa.
Luft nach oben. Nichtsdestotrotz bleibt Qwien auch eine forschende Institution, und so liegt es nahe, dass Sulzenbachers Führung durch das Haus eben im Depot beginnt. Dort lagert als Dauerleihgabe das Archiv der Liga für Menschenrechte (auch das befasst sich mit
Frisch beflaggt am neuen Standort in Margareten

«Wir wollen als eines der Wiener Museen wahrgenommen werden»
Hannes Sulzenbacher
Raus aus dem Versteck. «Wir versuchen hier jetzt auch zu zeigen, was wir haben», sagt Harriet Leischko, die vor gut einem Jahr die wirtschaftliche Leitung übernommen hat und sich zusammen mit Max Sohm dem Rundgang für den Augustin anschließt. Sohm war nicht nur als Mediengestalter bei der optischen Positionierung am neuen Standort beteiligt, sondern hat vor allem als Historiker die erste Hauptausstellung kuratiert: Geschichte machen. Ein queeres Jahrtausend in 27 unglaublichen
Gestapelte Geschichte: Queere Zeitschriften wie Amigo, Emma und Der Weg sind hier archiviert

queer aufzudrücken», erklärt Leischko. Gleichzeitig ist dem Leitungsteam eines wichtig: dass Qwien fortan ein lebendiges Kulturzentrum ist. Deshalb endet die Führung durch das Haus auch im ebenerdigen Veranstaltungsbereich, hier ist etwa Raum für Lesungen, nach der ersten Sonderausstellung Homo Diaries der Fotografin Sabine Schwaighofer steht die nächste Schau mit fotografischen Arbeiten von Mario Kiesenhofer an. «Wir sind am Ausloten, wie wir dashaus füllen. Wichtig ist uns, dass wir eine gute Nachbarschaft haben. Man muss bei uns keine Schwellenangst haben, es ist ein Ort für alle», sagt Sulzenbacher. Das spiegele ihre erste Schau mit den 27 Objekten im Besonderen: «So zeigen wir, dass wir uns der Geschichte mit Humor nähern können, aber Themen besprechen, die von allgemeinem historischen Interesse sind.»


Er lässt uns auch noch einen Blick ins Archiv werfen, wo die Sammlungsobjekte untergebracht sind. Dass die Geschichte der NS-Zeit und die damit einhergehende Verfolgung von Homosexuellen der Grundstein von Qwien bleibt, schließt nicht aus, dass hier eine bunte Mischung verschiedenster Dinge zusammenkommt – gespeist aus österreichischer queerer Kulturgeschichte, wobei Stücke von anderswo auch willkommen sind: Ein Spind aus der «Wiener Freiheit», dem legendären Treffpunkt für Schwule, Lesben und Transgender ab den späten 1980ern, steht neben Nachlässen, am Ende des Ganges liegt der «Rosa Winkel», ein plüschiges Dreieck, das der Leiter der Antidiskriminierungsstelle Wien (WASt) bei einer der ersten Regenbogenparaden trug.
Bunt, aber nicht beliebig. Die Sammlung, die auf vielen Schenkungen aufbaut, soll möglichst für alle Funde offenbleiben. «Sie soll aber nicht belanglos werden, deswegen ist es uns wichtig, auch eine gesellschaftspolitische, patriarchatskritische Komponente einzuweben und nicht nur den Stempel
www.qwien.at Ramperstorffergasse 39, 1050 Wien Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr
Bühnendekoration von «Austria’s biggest Gay Party» …

Objekten. Das Besondere an den Exponaten: Sie wurden in Zusammenarbeit mit u. a. einer Goldschmiedin, einem Maler und einem Schneider aus Wien für die Schau erst hergestellt. «Geschichte von queeren Personen musste immer versteckt werden, daher haben wir kein materielles Erbe, um sie zu zeigen», erklärt Sulzenbacher diesen Schritt; erfunden ist diese Geschichte aber nicht: Sie hätten vom 13. Jahrhundert an Quellen recherchiert und Expertise eingeholt, um keine falschen Zuschreibungen zu machen, betont Sohm. Wie labelt man Menschen, deren Geschlechtsidentität beziehungsweise Sexualität nicht eindeutig benannt werden kann, wenn in der Geschichtsschreibung Begrifflichkeiten auch noch nicht gängig waren? Ein schönes Learning, findet Sohm, dessen Lieblingsgeschichte im Ausstellungsbereich diejenige der Autorin Grete von Urbanitzky ist. Sie verfasste ein frühes Beispiel lesbischer Literatur, sympathisierte gleichzeitig mit dem Nationalsozialismus, ihre Bücher wurden auf die schwarze Liste gesetzt, sie floh ins Exil. «Es ist interessant, zu sehen, wie auch in der queeren Geschichte oft eine doppelte Schneide da ist», sagt Sohm.
… und auch Seltenheiten wie dieser überdimensionierte rosa Plüschwinkel finden sich im Depot ■
