Foto: Johannes Stoll / Belved
Splitter des Lebens
Aus Fundstücken von der Straße neue Welten bauen oder unheroische Mahnmäler schaffen. Die Ausstellung Wotruba International zeigt das Werk des Bildhauers und seinen Bezug zu internationalen Künstler:innen.
TEXT: KERSTIN KELLERMANN
Fritz Wotruba: Große liegende Figur, 1951–53
Täglich streifte die Bildhauerin Louise Nevelson durch die Straßen New Yorks und sammelte Fragmente und Trümmer ein, die auf der Straße lagen – für sie Fundstücke des Lebens. Damals gab es im Stadtviertel «Little Italy» noch schönen Sperrmüll: gedrechselte Möbelbeine zum Beispiel, aber auch genug verwittertes, gebrochenes, zersplittertes Holz. In der Ausstellung Wotruba International im Belvedere 21 wird nun endlich das Werk Black Wall (1959) in Österreich gezeigt. Nevelson entstammte einer Holzhändlerfamilie nahe Kiew, schon ihr Großvater war Holzhändler gewesen. Ihre Familie emigrierte 1905 ins amerikanische Rockland in
Maine. Aus ihren Fundstücken von der Straße baute Louise Nevelson dann «babylonische Himmelskathedralen» – riesige Kunstwerke, aus Holzkästen getürmt, in denen ihre ganzen Fundstücke versammelt sind, einheitlich in Schwarz, Weiß oder gegen ihr Lebensende hin in Gold gestrichen. Sie wollte die Splitter des Lebens in eine andere Realität heben, spirituell erhöhen sozusagen, kaputte Vergangenheiten transformieren.
Hausangestellten und eines tschechischen Schneiders wollte er einen Neuanfang nach dem Nationalsozialismus wagen. Ihm wurden aber weiter Steine in den Weg gelegt. Wotrubas unheroisches, archaisches Mahnmal Mensch, verdamme den Krieg in Leoben war 1938 abgetragen worden. Im wunderschönen Katalog wird genau erklärt, in welchen Werkphasen Wotruba sich den künstlerischen Methoden der internationalen Bildhauer:innen annäherten. Mit der britischen Bildhauerin Barbara Hepworth verbanden Wotruba die Bezüge zu Natur und Landschaft und die documenta in Kassel. Hepworths mysteriöse Pastorale (1953) ist geschwungen und aus weißem Marmor. Durch Öffnungen gewährt sie Durchsicht, integriert das Dahinter und das Davor, während Wotruba kantig und wuchtig bleibt. Mit der Großen liegenden Figur (1951–53) verarbeitet Wotruba die Trauer über den frühen Tod seiner Frau Marian. Der Schriftsteller Elias Canetti nahm an der großen Skulptur «die Entstehung des Lebens aus Pflastersteinen» wahr. Fritz Wotruba wurde international weitaus bekannter als in Österreich. Nun zeigt ihn das Belvedere als Künstler, der im Zusammenhang zum Schaffen anderer steht – er wird in seiner Zeit verankert. ■

Hockende Heuschreckenfrau. Da die Fritz Wotruba Privatstiftung vor drei Jahren dem Belvedere den gesamten Nachlass des Bildhauers übergab, wurde nun eine großzügig kuratierte Schau, erweitert durch Positionen von fünfzehn internationalen Künstlerinnen, möglich. Die hockende Heuschreckenfrau mit den dünnen Beinen und erhobenen Händen von Germaine Richier (Die Heuschrecke, 1946/56) wirkt gruselig und bleibt im Bildgedächtnis hängen. Fritz Wotruba war im Schweizer Exil mit Germaine Richier befreundet, deren Werk lange in Vergessenheit geriet. Wotruba war schon 1933 mit seiner jüdischen Frau vor den Deutschnationalen in die Schweiz geflüchtet, und 1938 dann noch einmal. «Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung wird die abbildartige Skulptur in Frage gestellt», heißt es bei einer Führung. Wotruba wurde als einer der wenigen Künstler:innen vom offiziellen Österreich zurückgeholt. Als jüngstes von acht Kindern einer ungarischen
Foto: Kunstmuseum Bern © Bildrecht, Wien 2025




Wotruba International Bis 11. Jänner 2026 Belvedere 21 Arsenalstraße 1, 1030 Wien www.belvedere.at
Germaine Richier: La Sauterelle/Die Heuschrecke, 1946/1956
