
Kloster; so sieht es zumindest der Propst von Stift Reichersberg, Markus Grasl. Mit der Übernahme von Goldenstein sind die drei Chorfrauen nach kanonischem Recht, dem Rechtssystem der katholischen Kirche, in seine Obsorge gekommen. Ein Vertrag regelt zwar ihr lebenslanges Wohnrecht im Kloster Goldenstein, wie es auch dem Grundsatz der «Stabilitas loci» entspricht, nach dem die Augustiner-Chorfrauen leben. Allerdings ist da ein kleiner Zusatz, leicht zu überlesen: «solange gesundheitlich sowie geistlich vertretbar». Wenn wir Schwester Bernadette heute darauf ansprechen, gerät sie in Rage: «Dieser eine Absatz hebt alles auf, was in dem Vertrag steht.» Die Schwestern fühlen sich betrogen. Es war Ende 2023, als zwei von ihnen, Bernadette und Regina, nach einem Spitalsaufenthalt in das Altersheim Schloss Kahlsperg verbracht wurden. «Im Nachthemd», wie Bernadette sagt. Die dritte, Rita, wurde nach einem Besuch im Augustiner-Kloster in Essen Anfang 2024 nicht mehr zurück nach Hause gebracht, sondern ebenfalls nach Kahlsperg. «Wir sind an Goldenstein vorbeigefahren, ich wollte etwas sagen, aber der Fahrer ist mir zuvorgekommen: ‹Schwester Rita›, hat er gesagt, ‹Sie können nicht mehr ins Kloster zurück.› Da war meine Seele ganz tief unten.»

Harald Schiffl, der Propst Grasl in der Außenkommunikation vertritt, sieht die Sache naturgemäß anders: Die Entscheidung musste getroffen werden, schreibt er, «auch aus Nächstenliebe». Die Schwestern seien «auf dringenden ärztlichen Rat» ins Altersheim gebracht worden. «Selbstverständlich wurde mit den Schwestern über die Übersiedelung gesprochen.» Schiffl ist Gesellschafter der clavis Kommunikationsberatung GmbH. Wofür das Unternehmen steht, kann man auf der einladend gestalteten Website nachlesen: «Professionelles Kommunikationsmanagement ist der Schlüssel, mit dem Unternehmen und Organisationen ihre Interessen durchsetzen, das Image formen oder Krisen unbeschadet überstehen.» Ob Propst Grasl diese Krise unbeschadet übersteht, wird sich weisen.
Fast zwei Jahre verbrachten die drei Klosterfrauen in der von der Caritas Salzburg und damals auch noch der Casa Leben im Alter gGmbH betriebenen «Seniorenresidenz». Sie seien, jede für sich, «immer weniger geworden», sagt Christina Wirtenberger, eine ehemalige Klosterschülerin in Goldenstein, die die Schwestern regelmäßig im Altenheim besuchte. Die Gesundheit der Schwestern, die laut Propst Grasl im Kloster in Gefahr sei, habe sich gerade dort verschlechtert. Regina, so erinnern sich ihre Mitschwestern, sei bettlägrig und direkt depressiv geworden, hätte kaum mehr gegessen, nichts habe ihr mehr geschmeckt. Mit Tränen in den Augen erinnert Bernadette sich an die Sorgen, die sie sich um ihre Mitschwester gemacht hatte. «Ihre Triade wurde dort auseinander gerissen», sagt Christina Wirtenberger.
Schlussendlich war es eine Gruppe ehemaliger Klosterschülerinnen, die dem Spuk ein Ende bereiteten. «Bei einem Klassentreffen hat eine Freundin zu mir gesagt: Christina, wir müssen irgendetwas tun. Die können dort nicht bleiben.» Es dauerte nur ein paar Wochen, bis ein Plan gefasst wurde. Beim Wiederbetreten des Klosters half ein Schlüsseldienst.


«Ich habe gesagt, ich sterbe garantiert nicht in dem Altenheim»
Schwester Bernadette
Luftsprünge. Schloss Goldenstein ist ein Haus, zusammengestückelt über viele Epochen, dessen Architektur nicht auf den ersten Blick durchschaubar ist. Auf der einen Seite die Schule mit modernen Anbauten, auf der anderen der Zubau des Wohntrakts und die Kapelle. Im Hof ordiniert eine Ärztin.

Mehrere Türen und Tore verwirren die Be sucherinnen, schließlich werden wir abgeholt und zum Klostereingang geführt. An den Wänden der Stiegenaufgänge biblische Szenen, ein Bild mit dem Schriftzug «Jesus, ich vertraue auf dich», aber auch weltliche Gemälde, Landschaften, Porträts. Viele kleine Zimmer – Zellen, wie die Schwestern sagen –, Gemeinschaftsund auch repräsentative Räume. Ein magischer Bau, nicht unbedingt komfortabel, aber mit dem barrierearmen Bad und dem Treppenlift, den es bis zum Auszug der Schwestern gegeben hatte, durchaus «altersgerecht».
«Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt» ist das Motto der «Seniorenresidenz Schloss Kahlsperg», und man kann sagen, dass Bernadette, Rita und Regina diesem folgten, als sie Anfang September nach zwanzig Monaten Aufenthalt ihr Hab und Gut wieder packten. Wieder zu Hause, wie sie das Kloster einstimmig nennen, fanden sie ihre Zimmer durchwühlt, beinahe verwüstet, erzählen die Schwestern. Persönliche Gegenstände bis hin zu ganzen Schränken hätten gefehlt, Klos und Duschen seien teilweise ausgebaut, der Treppenlift abmontiert worden; auf den Stiegen erinnern nur noch Bohrlöcher an seine Existenz. «Aber diese gute Nachricht können Sie überbringen: Nächste Woche kommt der neue Treppenlift!», ruft Schwester Bernadette fröhlich aus, und Rita dazu: «Da mache ich in meinem Alter noch einen Luftsprung! Und eine Probefahrt werde ich auch machen, obwohl ich ihn gar nicht brauche.» Schwester Rita wird dieser Tage 82 Jahre alt (Herzlichen
Glückwunsch!) und ist die Jüngste im Bun de. 1962 ist sie ins Kloster eingetreten, da war Bernadette schon seit sieben Jahren hier.
Ungehorsam. Indem die drei aus dem Altersheim abgehauen sind, hätten sie ihr Gelübde zum Gehorsam gebrochen, lässt Propst Grasl die Nonnen über die Medien wissen. «Er hat nie mit uns geredet», sagt Schwester Bernadette. Gehorsam sei ein wichtiger Teil des Gelübdes, dem Regelwerk, dem die Ordensfrau zustimmt, wenn sie sich für ein Leben im Kloster entscheidet. Aber auch der Gehorsam sei in ein klares Prozedere eingebettet: «Dreimal darfst du bei der Oberin nachfragen, ob das, was sie verlangt, wirklich sein muss, wenn du es nicht und nicht willst. Erst wenn sie es zum dritten Mal von dir verlangt, musst du gehorchen.» Um ein Beispiel aus der Praxis zu nennen, legt Bernadette lachend nach: «Zum Beispiel als eine von uns ihren Führerschein machen sollte, da hat sie dreimal gefragt, ob das sein muss.» Der Propst aber habe sich nicht dafür interessiert, wie sie sich ihren Lebensabend vorstellen, befinden die Nonnen. «Ich habe gesagt, ich sterbe garantiert nicht in dem Altenheim. Lieber auf der Wiese, in der Natur, der Schöpfung als da drinnen», erzählt Bernadette. «Bei uns sind fast alle Schwestern im Kloster verstorben, außer wenn eine ins Spital musste.» Als sie dem Propst klar gemacht habe, dass sie nicht länger als eine Woche im Altersheim bleiben wolle, sei er wortlos gegangen. Dabei kennen die drei Nonnen den vergleichsweise jungen Propst – er ist Jahrgang 1980 –, seit er Ministrant war, und vor allem Schwester Rita spricht von einem freundschaftlichen Verhältnis. «Wir sind ihm nicht böse», sagt sie, «wir schließen ihn in unsere Gebete ein.»
Dass Propst Grasl, die Erzdiözese Salzburg und auch die Präsidentin der Ordensföderation und Augustiner-Chorfrau in Essen, Beate Brandt, den Willen der willensstarken Nonnen gerne beugen möchten, ist vielleicht unschön, in der hierarchischen Logik der katholischen Kirche aber nicht weiter überraschend. Ob es sich hier, wo nichts anderes vorgesehen ist, als dass Männer über Frauen bestimmen, nicht um ein grundsätzliches Problem handle, wollen wir von den drei erfahrenen Klosterfrauen wissen, und Schwester Rita antwortet prompt: «Absolut. Aber das zu ändern, ist für uns zu spät.» Dennoch fragen wir uns, was die Strategie hinter der sturen Verständnislosigkeit ist, die Grasl und Co. gegenüber den Medien und den Nonnen selbst zur Schau tragen.
«Ja, merken Sie was? Sind wir gebrechlich?»
Schwester Rita

Von der Klosterschülerin zur Unterstützerin: Christina Wirtenberger
Gerüchte, es ginge um die Inwertsetzung einer Immobilie, aus der man zu diesem Zweck lästige «Altmieterinnen» loswerden müsste, lassen sich nicht bestätigen. Wären wir, und nicht Harald Schiffl, für die Krisenkommunikation zuständig, würden wir Markus Grasl jedenfalls dringend raten, mit einer Portion Humor einzulenken. Die betroffenen Schwestern, befragt nach ihrer Einschätzung, warum der Propst so ungeschickt agiert, verweisen auf höhere Mächte: «Die Antwort können wir nur vom Herrgott bekommen.»
Medienrummel. Christina Wirtenberger wünscht sich vom Propst «nur ein klares Ja oder Nein: Sie können bleiben oder nicht.» Und wenn es ein Nein ist? Dann würden die, die Nein sagen, in die Sackgasse geraten – denn es bliebe ihnen nur die Räumungsklage. Sollte die Kirche aber drei Mittachtzigerinnen in Schwesterntracht aus einem Kloster räumen lassen, werden die internationalen Medien es wohl mit ihren Titelseiten danken. Nebenbei sei gesagt, dass auch in den Reihen der Polizei ehemalige Klosterschülerinnen sind. «Eine davon war im Dienst, als der Schuldirektor auf Anweisung des Propsts die Polizei rufen musste, sobald die drei Schwestern aus dem Altersheim zurück waren.» Den Namen der Beamtin nennen wir hier nicht, aber sie dürfte keine Ambitionen gehabt haben, die klosterbesetzenden Nonnen für ihre Rückkehr zu belangen.
Konnte zu Hause wieder gesunden: Sr. Regina
Christina Wirtenberger ist aus Zürich angereist. Eine andere Schulkollegin, erzählt sie, käme dieser Tage aus ihrer Wahlheimat, der spanischen Insel El Hierro, nach Salzburg, um die ehemaligen Lehrer:innen zu unterstützen. «Und viele, die hier in der Gegend geblieben sind, sind Teil vom Unterstützungskreis. Nicht alle wollen in die erste Reihe, aber alle tragen etwas bei.» Sie regeln das Essen, die Versorgung, das Wohlergehen der Schwestern: «Beschützen ist ein blödes Wort», sagt Wirtenberger, «aber da uns vom Propst über die Medien ausgerichtet wird, dass wir verantwortlich sind, wenn etwas passiert, sind wir hier und passen auf, dass eben nichts passiert.» Christina Wirtenberger ist sehr exponiert, seit der Medienrummel um die «defiant nuns», die «trotzigen Nonnen», wie die britische BBC titelte, vor einem Monat losgegangen ist. Hilfreich sei das weltweite Interesse, und zugleich zeitraubend. Die Journalistin Edith Meinhart war als erste angereist, dann kamen alle von ORF bis New York Times, der deutsche Vatikan-Berichterstatter Andreas Englisch nahm vor Ort einen Podcast auf und selbst der Dokumentarfilmer Brad Bailey reiste während eines Wien-Aufenthalts an. «Er wollte das, was hier passiert, seinen Student:innen in den USA weitergeben.» Zur geringen Begeisterung des Propsts, der wegen fehlender Drehgenehmigung mit einer Klage gedroht hätte, wie Wirtenberger schmunzelnd erzählt: Bailey habe das – «We have lawyers, too» – nicht sehr beeindruckt. Auch die drei Nonnen haben die Medienarbeit, die sie nun beinahe täglich in ihrem präzise getakteten Klosteralltag unterbringen müssen, schon ein bisschen satt. «Zumindest Samstag und Sonntag wollen wir ab jetzt wieder frei haben.»
Aber dass sie heute ausgerechnet von ei ner Zeitung Besuch bekommen, die den gleichen Namen trägt wie ihr Ordensvater, das verbuchen sie dann doch lachend als «kleines Wunder».
Gut zu wissen
Augustiner-Chorfrauen Der katholische Frauenorden der Augustiner-Chorfrauen geht auf die Gründung einer «Gemeinschaft zur Erziehung der weiblichen Jugend» aus dem Jahr 1597 im französischen Mattaincourt zurück. Zu den drei bestehenden Gelübden (Armut, Keuschheit, Gehorsam) kam das vierte Gelübde dazu, sich um die Jugend zu kümmern. 1628 wurde der Orden von der Kirche anerkannt. In Österreich ist Goldenstein das einzige Augustiner-Chorfrauen-Kloster. Über die Jahrhunderte verteilt waren Augustiner-Chorfrauen auch in den Klostern von Klosterneuburg, Kirchberg am Wechsel und Salzburg.
Gemeinschaft. Der medialen Strategie des Propstes, sich selbst als besorgt und die drei Nonnen als unfähig zum selbstständigen Leben im Kloster darzustellen, versuchen Rita, Regina und Bernadette mit Humor zu begegnen. Nicht immer einfach, wenn man so angegriffen wird. Schwester Rita ballt die Fäuste, wenn sie darüber spricht: «Er meint, es ist alles so veraltet und wir sind gebrechlich. Ja, merken Sie was? Sind wir gebrechlich?». Via Instagram (der Account der Schwestern hat über 50.000 Follower) hat sie bekannt gegeben, dass sie jederzeit zu Wettläufen bereit sei, um ihre Sportlichkeit unter Beweis zu stellen. In jedem Stockwerk stehen Rollatoren bereit und auch für andere Notwendigkeiten, die das Alter mit sich bringt, hätten sie bereits gesorgt: Ein wunderschönes barrierefreies Badezimmer wird uns gezeigt, rot verfliest, in ihrer Abwesenheit zum Abstellraum verkommen. «Nur weil wir keine Nasszellen in jeder unseren Zellen wollten, wird jetzt behauptet, wir hätten dem nötigen Umbau nicht zugestimmt», ärgert sich Bernadette. Christina Wirtenberger sieht die Sache pragmatisch: «Natürlich braucht es eine Pflegefachkraft, die morgens kommt, sich um Verbandswechsel und Medikation kümmert, und auch Unterstützung im Haushalt. Aber das ist ja organisierbar.» «Wir sind so gut unterstützt von Angestellten und früheren Schülerinnen», bestätigt Rita. «Die kommen und fragen: Brauchts was, wie können wir euch helfen?».

Orden päpstlichen Rechts Orden oder Institute päpstlichen Rechts werden vom «Apostolischen Stuhl» errichtet und anerkannt. Anders als Institute bischöflichen Rechts unterstehen sie direkt dem Amt des Papstes, haben eigene Obere (im Fall von Goldenstein die Oberin Schwester Regina bzw. nach Auflösung des Ordens den Propst Markus Grasl) und sind nicht der bischöflichen Jurisdiktion unterworfen. Im Detail nachzulesen im Codex des kanonischen Rechts.
Stabilitas loci Die Stabilitas loci bezeichnet die Bindung von Nonnen oder Mönchen an ein Kloster. Sie wird beim Eintritt in den Orden qua Ordensgelübde («Profess») versprochen. Die Stabilitas loci kann sich auf ein bestimmtes Klostergebäude oder auch auf mehrere Klöster des Ordens beziehen. Sie unterscheidet «sesshafte» von Bettelorden, deren Mitglieder wiederum die Aufgabe haben, lehrend und predigend von Ort zu Ort zu ziehen.

Zwei oder drei in meinem Namen «Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» MatthäusEvangelium 18,19 – 20
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