kastanie
hat mir rote punkte in die kopfhaut gehaut ungeschälter wurfstern fass ihn runter vom kopf und werfe ihn in die brennessel brennt mir rote punkte in die handhaut hau mir ibuprofen in den rachen herbstlich spaziert
kastanie
hat mir rote punkte in die kopfhaut gehaut ungeschälter wurfstern fass ihn runter vom kopf und werfe ihn in die brennessel brennt mir rote punkte in die handhaut hau mir ibuprofen in den rachen herbstlich spaziert
Der Anruf
Ich werde angerufen. Eine Stimme fragt: «Wie geht’s?» Ich sage: «Gut, danke!» Am anderen Ende höre ich eine gewaltige Stimme: «Photovoltaik, Renaturierung, Entsiegelung, Holz statt Beton, Grün statt Grau!» «Ja, genau!», sage ich, «ganz mein Programm» – umweltfreundlich und so. «Ach was», sagt die Stimme, «Epigenetik, verschränkte Lichtteilchen, Quantenphysik.» «Warum?», frage ich desillusioniert. «Warum? Warum?», die Stimme des Anrufers scheint sehr weit weg, gleichzeitig nahe, eindringlich, nicht befehlend. «O. k., ich werde das notieren», sage ich noch und lege auf. Jetzt, glaube ich, ist es so weit, dass ich mein Handy nicht mehr brauche und es weit wegwerfe. Sehr, sehr weit.
Von Andi Kleinhansl

Gottfrieds Tagebuch Breaking News
Das regt mich auf, wenn ich nicht mehr weiß, warum ich mich jetzt aufregen muss
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Gottfrieds Tagebuch Breaking News
für den Nachschub an Futter gesorgt. Kater Karlo bekommt natürlich auch eine Portion. Interessanterweise kann ich derzeit einfach nicht nur Nahrung für den Körper einnehmen. Es muss unbedingt auch der Geist Versorgung erhalten. In diesem Zusammenhang erweist es sich übrigens als besonders schwierig, den aktuellen Nachrichten zu folgen. Eilmeldungen kommen im TV ja immer mit der Warnung «Breaking News» daher. Wenn es sich in diesen um den aktuellen Ober-Donald dreht, dann führt das laut einiger glaubwürdiger Zeug:innen vermehrt zu Brechreiz und so manche:r Zuhörer:in lässt sich danach noch einmal das Frühstück durch den Kopf gehen. Habe ich gehört. Von Kater Karlo.
seit mindestens Ende Jänner dieses Jahres auf Platz eins befindet sich der hauptberuflich Golf spielende, und im Nebenerwerb den US-Präsidenten darstellende Donald Trump. Wer die anderen beiden auf dem Podest sind, bleibt der geneigten Fan-Gemeinde überlassen. Da wäre noch ein Zitat von Bertolt Brecht: «Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!»
Meteorologischer Herbstbeginn. Vom sogenannten Altweibersommer war bis dato noch nicht die Rede. Mir ist leider nicht genau bekannt, ob sich der Begriff «oldwomensummer» im englischen Sprachraum erfolgreich durchgesetzt hat. Und überhaupt! Viele schimpfen lautstark über das schlechte Wetter, aber niemand unternimmt etwas dagegen! Als aus Oberösterreich eingewandertem, jedoch inzwischen gelerntem Wiener, ist mir auch bekannt, dass man sich über etwas aufregen muss! Ganz egal über was. Es wurde in letzter Zeit ja gerne und geradezu regelmäßig diese oder jene Gelegenheit wahrgenommen, sich in mein Schimpf-Tagebuch einzutragen. Was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Das regt mich auf, wenn ich nicht mehr weiß, warum ich mich jetzt dringend aufregen muss. Kater Karlo ruht und schnarcht ganz leise. Das wirkt beruhigend.
Das regt mich auf, wenn ich nicht mehr weiß, warum ich mich jetzt aufregen muss


Herbststrahl
Die Nacht fängt an den Tag zu schlucken Herbst hat den Sommer verschlungen Jetzt würgt er daran Erstickt dann bald schon im Winter Kälte kriecht durch alle Ritzen
Doch ein Sonnenstrahl kämpft sich gleißend frei ein Moment, eine Sekunde ruht die Welt Spätsommernachhall hüllt in seine Stille ein
Von Grete Mayer
Möglichkeit Freiheit
DICHTER INNENTEI
Bewegung
Ich suchte immer Bewegung, die Spannung, die im Kommen und Gehen liegt, das Abschiednehmen, das Verlassen von etwas, auch das Loslassen, der immer spannende Lebensbogen. Kurzum, wahrscheinlich – ziemlich sicher – suchte ich die Freiheit, und die Möglichkeiten. Nicht das Festgelegtsein auf eine einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit, die Möglichkeit, welche Wirklichkeit wurde. Das bin auch ich, mein Körper, mein Gesicht, das Materielle, es ist wirklich, nicht: nur möglich. Obwohl das eine schöne Sichtweise ist, mein Gesicht: Es ist nur möglich, eine Möglichkeit unter vielen (Menschen). Das führt zu einer liberalen Welthaltung, glaube ich. Bestimmt war ich zur Hälfte Phantastin, ja, ich habe viel phantasiert, hatte und habe immer noch Träume, und dieses Möglichsein vieler Dinge führt dann wieder zum Loslassen, zum Loslassen der Wirklichkeit. Man ist allein, und es ist befreiend.
Es ist wirklich, nicht: nur möglich
Von Eva Renner-Martin
lieber mit wilder mähne auf der weide stehen
will mich nicht satteln, mir kein zaumzeug fürs leben anlegen lassen, wenn es mir nur zuckerbrot und peitsche verspricht, dann lieber mit wilder mähne auf der weide stehen und wilde möhren fressen …
«Die gerade Linie ist gottlos» Friedensreich Hundertwasser
Von Anna Maltschnig
wir biegen und wir knicken wir formen unser lineares Leben zu einem kompakten Viereck um und alles scheint nun geregelt alles scheint nun geordnet sogar eine Sonne scheint zu scheinen in unserem kantigen Sein denn vom oberen vom rechten Eck ausgehend strömt kontinuierlich Wärme in unseren Raum und gerade deshalb erscheint es uns unrichtig dass nachts immer einer von uns laut weinen muss dass nachts immer einer von uns abwegige Wörter rufen muss Wörter wie Wellen Winter Berge Schnee
Von Claudia Dvoracek-Iby
Silbermondschein
In jahrhundertlange Vergesslichkeit ist er geraten, aber ich habe mich erinnert an meinen Silbermondschein – in der Nacht der lunearen Träume, die keine Grenzen und kein Pardon kennen. Da war die Weite und die Freiheit – adlergleich im Tanz unter dem blanken und klaren Himmel. Sie haben mich berührt, mir meine Unabhängigkeit vor Augen geführt. Frei bin ich von der Idee einer falschen inneren und äußeren Welt, lange systemisch gefangen, bewege ich mich langsam durch die Lichtund Schattenfelder in der Ignoranz des Verlorenen und dem Strahl des Wieder-Entdeckten. Traum und Trauma: List der Sprache. In der Luft geschmissene Glasspiegelperlen menschengroßes Volumen. Schattenvogel über der Steingrotte. Gläsern- zerbrechliches Innen-Drinnen, aber silbermondgrau. Steinalt mit einem Mal geworden und immer jungfräulich. Beides mit einem Schlag oder Schlägerei? Code des Geheimnisses in einer nackten Nacht. Schleier der Hungrigen und Durstigen. Engelswerk. Segen von oben in einer Regenfinsternis, da die Tropfen laut an meinem Schlafzimmerfenster läuten, pochen und wach-klopfen. Schlaftrunken bis um Mitternacht, wenn die Tür zur anderen Welt unter der Haut dünnig ist. Die Dunkelheit dünnt die Angst ein, weitet die Freiheit. Silbermondschupfen. Traum inversiv. Hoffnungkaviar und Herzgold beglücken. Einzig der Silbermondtraum mit hellwachen Zungensinnen zieht seine Spuren durch die Körperlandschaft. Eiserne Ladys lassen ihre Ketten sprengen und Narzissten entdecken die Liebe. Hiebe der Veränderung, die das Tageslicht einmal überstehen müssen – Mutters Brust endgültig verlassen, des Vaters Existenz eine Zwischengeburt. Wege zur Erlösung. Entrümpelt von gesellschaftlichem Konsens, parallel in der Urwahrheit des Seins. Alpha und Omega. Freiheit hat goldenen Boden. Spürt sie, seht sie, hört sie und zieht die Konsequenzen um ihrer selbst willen. Traumata. Traum und Raum – hell und rot mit eingegipstem Schädel. Urmeer des Silbermondgaumens. Spiegel der Sonne. Lichtkonvolut durch das pasterzenhafte Raunen und Staunen. Ich bin da im Schaum meines Willens. Lichtund Schattenfelder – teil-gebärdet. Kettenglieder in der Hand. Fesselreste am Fuß. Los-getanzte Sklavin im Silbermondrhythmus. Sphärengleiter. Atemhauch statt Atemhecheln. Trostpflaster der rufenden Steine, vorgestern gesammelt. Glattgeriebe von der Witterung. Wasserreibeisen mit Liebeswalzer und Feuertango. Die meisten Gleichungen stimmen, die Gleichnisse auch. Einkehrende Gerechtigkeit: rechtlich ohne Bestand und Verfasstheit. Geburtsdenkmal am Holzofen. Aschenansammlung. Verbranntsein von vielem nicht mehr Gültigem. Silbermondraunen in der Rauchschwade der Erinnerungen an ur-damals. Hexenverbrennung, Kriegszustände, Unfrieden ziehen Leine. Imaginäres Kerzenlichtleuchten. Feuchte Taverne zwischen den Beinschenkeln. Die Libido der prallen Weiblichkeit erwacht. Pheromone schlendern durch die Gassen. Funkelndes Glashaus. Brennende Luftkanister von Erdhaufen zu Erdhaufen in der Weite des erlösenden Lustschreies. Drehkegel einer wiederund wiederkehrenden Geburt. Gurt im Dunkeln, Freiheit der Fühlenden, Freiheit der in sich frisch Bemalten, Freiheit der Überraschten. Allen Freiheit. Silbermondruf. Puff einer Unerhörten – die Aorta schlägt.
Foto: Ruth Weismann