Wir schicken einen Song ins All

ART.IST.I

Wir schicken einen Song ins All

Golden Voyager Record Vol. III ist das neue Album der feministischen Indie-Popband Das Schottische Prinzip. Sängerin, Songwriterin und Bandleader Julia Reißner spricht über Skihüttenmusik, die harte Arbeit einer Musikerin und Nachrichten an Außerirdische.

INTERVIEW: ROBERT FISCHER FOTO: JANA MADZIGON

Wie bist du zur Musik gekommen? Julia Reißner: Meine Schwester hat auf ­einem alten Klavier gespielt, das irgendwann in unserem Keller aufgetaucht ist. Ich begann, auch darauf herumzuklim­pern und mir das Spielen übers Inter­net autodidaktisch selbst beizubrin­gen. Irgendwann ist mir klargeworden: In jeder Skihütte gibt es eine Gitarre, aber nirgends ein Klavier. Und so habe ich mir letztendlich eine Gitarre ge­kauft. Meine Eltern haben nur Austro­pop oder Jazz gehört. Rock habe ich als Jugendliche vor allem über meine Ge­schwister, Freunde und das Internet kennengelernt. Sehr beeinflusst wur­de ich von der Indie-Band Grant aus Klosterneuburg.

Das Schottische Prinzip hast du 2019 gegründet, der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Ich wollte immer schon in einer Band spielen, war aber eher ein Spät­starter. Über Kontakte zur Musik-Uni­versität Wien habe ich angefangen, Mu­sikerinnen für Das Schottische Prinzip zu suchen. Es entstand bald eine fixe Be­setzung, und wir haben ziemlich schnell unsere ersten Auftritte gespielt. Beim zweiten Gig im Café Carina war zufällig Ernst Molden im Publikum. Nach dem Gig sprach mich Ernst beim Rauchen vor der Tür an und outete sich als Fan. Ich war total überrascht und ­wusste im ersten Moment nicht, was ich sagen soll. Kurze Zeit später hat er uns dann eingeladen, beim Theaterfestival HIN & WEG in Litschau aufzutreten, und den Vorschlag gemacht, unser Debüt für sein Label aufzunehmen. Das ging alles ziemlich schnell.

Ist ein Konzept-Album rausgekommen? Ja und nein. Ich dachte mir, Golden Voyager Record Vol. III ist ein cooler Ti­tel für ein Album, und dann haben wir mit diesem Thema künstlerisch gear­beitet. Es sollte ein kurzer Abriss dar­über sein, was das Menschsein eigent­lich ausmacht. Was hat ein Mensch für Gefühle, welche Feinheiten gibt es da? Es geht um Liebe, Freundschaft und so weiter, also eigentlich große Themen, die wir dann in den Songs sehr subjek­tiv abgehandelt haben.

„Golden Voyager Record Vol. III“ ist euer aktuelles Album. Woher kommt der Name?

Der erste Track «Luftverschmutz­ung» ist eigentlich aus einem Unipro­jekt zum Thema Müll entstanden. Mein Studienkollege Eddie van Gemmern hat einen Text geschrieben, den ich vertont habe. Darin ging es um die be­rühmten Golden Voyager Records, das sind Datenplatten mit Bildund Audio­Informationen, die 1977 an Bord der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins All geschickt wurden. Die Datenplat­ten sollten als Information für Außer­irdische dienen, darauf zu hören sind z. B. Walgesänge, Affengebrüll, Mozart, Beatles, Chuck Berry sowie eine Bot­schaft von Kurt Waldheim. Wir dach­ten uns: Hey, eigentlich könnten wir einen neu­en Song schreiben, der das korrigiert, und den dann ins All schicken! Das war quasi der An­stoß zum neuen Album.

Wir wollten den Pro­duktionsprozess an­ders gestalten als bei unserem Debüt Jolly. Die Produktion lief über ­einen länge­ren Zeitraum, wir hatten dadurch mehr Möglichkeiten im Studio, haben die Gi­tarre mit mehr Spuren aufgenommen, konnten mehr Overdubs machen usw. Auch beim Einsingen der Vocals habe ich etwas mehr Freiheiten gehabt. Es gibt auf der neuen LP stärkere elekt­ronische Einflüsse, wir haben u. a. E­Drums, Synthesizer und bei der Stim­me auch etwas Auto-Tune verwendet.

Beim Durchhören des Albums beein­druckt deine extrem wandlungsfähige Stimme. Ich hatte eine Zeit lang eine starke Mittelstimme, die war dann auf ein­mal weg und es hat sich gut ergeben, dass ich erst später mit der Band be­gonnen habe, weil ich jahrelang nicht singen konnte. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass ich ja gar nicht in der Mitte singen muss, sondern auch sehr tief oder sehr hoch singen kann. Auf diese Art konnte ich meine Schwä­che zur Stärke verwandeln. In den letz­ten Jahren kam die mittlere Stimme wieder zurück. Dadurch habe ich an­gefangen, mit meiner Stimme mehr zu experimentieren und sie ganz un­terschiedlich einzuset­zen. Ich wollte eigentlich immer eine Sängerin mit großer Persönlichkeit so wie Nina Hagen oder Ja­nis Joplin sein. Es gibt diese Leute, die einfach alles perfekt singen kön­nen, aber da gehöre ich leider nicht dazu.

«In jeder Skihütte gibt es eine Gitarre, aber nirgends ein Klavier»

Musikerin sein ist harte Arbeit. Wie geht es dir damit? Manchmal fühle ich mich wie eine neoliberale Vorarbeiterin. Du musst sehr viel leisten, auch körperlich, he­rumfahren zu Gigs, proben, Verstär­ker schleppen, singen, mit Leuten re­den, vorm PC sitzen, Videos schneiden usw. Du musst fit sein, gesund bleiben und eigentlich immer schon den nächs­ten Schritt im Kopf haben. Du musst als Musikerin immer dabeibleiben, hast ­eigentlich nie frei, darfst nie schlapp machen und wirst zu Beginn auch nicht viel verdienen. Es gehören irrsinnig vie­le Kompetenzen dazu, und du bist vom Prestige her trotzdem nicht am Niveau einer Anwältin oder einer Ärztin – ob­wohl ich glaube, dass Kunst und Kultur für uns alle und für die Gesellschaft sehr wichtig sind. ■

Das Schottische Prinzip: Golden Voyager Record Vol. III (CD, Vinyl) Bader Molden Recordings 2025 Live: 7. November, 21 Uhr Lucia, 8., U-Bahn-Bögen 24/25

Augustin-Musikarbeiter zum Debütalbum Jolly: www.augustin.or.at/im-prinzip-eine-band

Das Schottische Prinzip, im Hinterzimmer des (danke!) Café Hummel. Von links nach rechts: Viktoria Mezovsky (Gitarre), Julia Reißner (Gesang), Jana Mitrovic (Bass), nicht im Bild: Jennifer Gitschner (Drums)