«Eine gute Zeit»

Tobias Riener leitet eine Restauration, die einzigartig ist: das «Häferl» in Gumpendorf
ehrenamtlich mitarbeitete, ehe er im Vorjahr die Leitung von Elisabeth Guttmann übernommen hat. Auch heute wurden in der Mini-Küche gut 280 Portionen auf die Teller gezaubert. Es grenzt an logistische Magie, wie das immer wieder auf engstem Raum gelingt. Der durch seine Mitarbeit im Häferl angelernte Koch verrät: «Mit einem Gulasch müssen wir immer schon am Vortag beginnen. Sonst würden wir bis Mittag niemals fertig werden.» 32 Stunden pro Woche arbeitet Tobias Riener in diesem einzigartigen Wirtshaus: «Von Mittwoch bis Sonntag.» Es imponiert die Leichtigkeit, mit der der Endzwanziger mit seinem Team und mit den Gästen kommuniziert. Manchmal gibt es, keine Frage, auch dicke Luft im Gastraum: «Die kann ich aber zumeist durch mein geschultes Auge als Sozialarbeiter frühzeitig erkennen und so eine Eskalation vermeiden.»
«mitbekommen, dass man soziale Ungerechtigkeit nicht als gegeben hinnehmen muss». Bei seinem Zivildienst in Linz lernt der HTL-Ingenieur die Perspektive von nichtsesshaften Menschen kennen. Zur Ausbildung kommt er 2017 nach Wien. Die Mitarbeit im Häferl fasziniert ihn von Anfang an: «Weil wir hier keinen Leistungsdruck haben. Unsere Aufgabe besteht darin, unseren Gästen ein gutes Essen zu kochen und ihnen mit dem Essen eine möglichst schöne, eine gute Zeit zu bescheren. Genau das ist es, was sie bei uns suchen.» Beim Essen sind alle Menschen gleich: Auch im Häferl will man sein Menü in Ruhe genießen und nicht sofort auf seine Probleme angesprochen werden. Zwar scannt der Sozialarbeiter Tobias Riener Bedürfnisse. Aber er wird nur dann aktiv, wenn er darum explizit gebeten wird. Gewiss eine Gratwanderung, Tag für Tag, aber eine, bei der man auch Etappenerfolge erzielen kann: «Etwa, wenn jemand offen zeigt, dass es ihm geschmeckt hat.»
TEXT: UWE MAUCH FOTO: MARIO LANG

Nach 15 Uhr wird es allmählich ruhig im «Häferl». Soeben haben die letzten Gäste ihr Dessert verspeist. Sie verabschieden sich freundlich. Auch heute wurde ihnen ihr Mittagessen – Vor-, Hauptund Nachspeise – an den Tisch gebracht. Ja, gebracht!
Chefkoch. «Wir sind ein Armenwirtshaus», erklärt dazu Tobias Riener, der junge Leiter der Sozialeinrichtung der Stadtdiakonie im Untergeschoß der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche an der Gumpendorfer Straße. Er folgt damit dem Credo des früh verstorbenen Mitbegründers Norbert Karvanek (Lokalmatador Nr. 331): «Unsere Gäste genießen besondere Rechte.» Sie werden nicht abgespeist, sie werden an den gut siebzig Sitzplätzen ebenso höflich bewirtet wie in einer herkömmlichen Restauration. «Haubenküche» steht vor der 2,1 mal 2,2 Quadratmeter kleinen Kochnische. Darin lässt sich der «Chefkoch» heute nicht nur fotografieren. An vielen Tagen hantiert er hier mit all den Pfannen, Töpfen, Messern und Schöpfern. Tobias Riener hat das Häferl im Rahmen seiner Ausbildung zum Bachelor für Soziale Arbeit kennenund schätzengelernt. So sehr, dass er nach seinem Praktikum vier Jahre lang ehrenamtlich mitarbeitete, ehe er im Vorjahr die Leitung von Elisabeth Guttmann übernommen hat.
Bauernbub. Wenn das Reden nicht mehr hilft, helfen Eckdaten: Der junge Oberösterreicher ist beinahe zwei Meter groß und hat ordentlich Muskelmasse aufgebaut. Wie wohl er auch betont: «Bisher haben wir es immer friedlich hinbekommen. So richtig Polizei war noch nie da.» Aufgewachsen ist Tobias Riener auf einem Bio-Bauernhof in Aistersheim, einer Fast-1000-Einwohner:innen-Gemeinde im Hausruckviertel, zwischen Wels und Ried gelegen. Die HTL in Linz schließt er bereits mit dem Wissen ab, «kein Bauingenieur werden zu wollen», stattdessen lieber auf seine persönlichen Stärken zu vertrauen: Er kann gut mit Leuten. Und er hat von seinen Eltern, wie er sagt,
Teamarbeiter. Wichtig ist dem Angestellten der Stadtdiakonie der Hinweis, dass dieses Service nur deshalb so gut funktioniert, weil an jedem Öffnungstag Minimum fünf, Maximum zehn Freiwillige mithelfen. Ihre Aufgaben reichen von Zwiebelschneiden und Tischdecken über Kochen und Servieren bis hin zu Abservieren und Geschirrabwaschen. Tobias Riener schätzt den Einsatz und die Expertise der Ehrenamtlichen an seiner Seite: «Egal ob Flugzeugpilot, Kabinettsmitarbeiterin eines Misteriums, ehemalige oder aktuell Betroffene, alle wissen genau, wie sie mit unseren Gästen wertschätzend umgehen.» ■
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- Eine gute Zeit
«mitbekommen, dass man soziale Ungerechtigkeit nicht als gegeben hinnehmen muss».
Bei seinem Zivildienst in Linz lernt der HTL-Ingenieur die Perspektive von nichtsesshaften Menschen kennen. Zur Ausbildung kommt er 2017 nach Wien. Die Mitarbeit im Häferl fasziniert ihn von Anfang an: «Weil wir hier keinen Leistungsdruck haben. Unsere Aufgabe besteht darin, unseren Gästen ein gutes Essen zu kochen und ihnen mit dem Essen eine möglichst schöne, eine gute Zeit zu bescheren. Genau das ist es, was sie bei uns suchen.» Beim Essen sind alle Menschen gleich: Auch im Häferl will man sein Menü in Ruhe genießen und nicht sofort auf seine Probleme angesprochen werden. Zwar scannt der Sozialarbeiter Tobias Riener Bedürfnisse. Aber er wird nur dann aktiv, wenn er darum explizit gebeten wird. Gewiss eine Gratwanderung, Tag für Tag, aber eine, bei der man auch Etappenerfolge erzielen kann: «Etwa, wenn jemand offen zeigt, dass es ihm geschmeckt hat.»
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