Ressort: ART.IST.IN

  • Sun, Zen, sunzen

    Sun, Zen, sunzen

    «h

    Das Licht zeichnet mit. Wirft Schatten, wirft Glanz. Zeichnet in einer eigenen Farbe, zeichnet ganz genau. B

    ello sun», steht in roter Schreibmaschinen-schrift neben einer Person, die ein Schne-ckenhaus als Kopf hat und eine Katze auf oder statt dem Bauch, aus deren Bauchlade(n) wiederum Kätzchen auftauchen. Ein typischer Fall von .aufzeichnensysteme, der Künstlerin Hanne Römer, die damit zu einem literarischen Abend in die Buchhandlung Ortner im 8. Bezirk einlädt. Name (und Motto?) der Veranstaltung: «Sunzen 2*». Ist «Sunzen» eine Zusammensetzung von der englischen Sonne – Hello sun! – und dem japanischen Zen, also ein Begriff größter Entspannung? Oder imaginiert man sich sunzen als österreichisches Verb? Dann gerät man eher in die Nähe vom Mautschgern und Sudern, jedenfalls vom unzufriedenen Maulaufreißen. Das japanische 寸前, das dem Wort lautmalerisch am ehesten entspricht, heißt hingegen «kurz bevor». Und kurz bevor steht die Lesung, zu der am 30. Oktober neben Hanne Römer auch Nikolaus Scheibner, Birgit Schwaner, Monika Vasic und Augustin-Redakteurin Jenny Legenstein antreten. lib

  • Roman

    Roman Staatsposten für Vollpfosten

    «Mein Zaun steckt meine Le-bensgrundlage ab. Mein Zaun hört mir zu. Mein Zaun gehört mir. Meine Freiheit ge-hört mir. Die generellen Freiheitsräu-me werden immer enger. Nicht in mei-nem Revier. Niemand schützt mich besser als meine Zäune.» So antwortet Hans Sagmeister seiner Online-Ratge-berin auf die Frage, was für ihn das Spe-zielle an Zäunen sei. Hans wiederum ist nicht speziell, er ist ein «Durchschnitts-mensch», der in einer Einfamilienhaus-siedlung in Unterbrombachkirchen in Niederösterreich wohnt und sich, sein Haus, eigentlich am liebsten alles, einzäunt. Markus Köhle, Poetry Slammer der ersten Stunde, treibt in seinem neu-en Roman den ganz normalen Wahn-sinn auf die Spitze. Sprachlich rasant erzählt er Hans’ Werdegang «vom Sied-lungssheriff zum Zaunkanzler». Köhle

    schreibt nahe an der Realität, wenn er die Vollpfosten, bekanntlich sind sie die Stützen der Zäune, zur Stütze der Zaun-partei erklärt. «Die gegenwärtige De-mokratie hat ihre Zeit gehabt und der Scherbenhaufen, vor dem wir nun ste-hen, ist auf ihrem Mist gewachsen. Zeit für neue Modelle. Zeit für neue Grenzen. Zeit für die Zaunpartei und das Heer ih-rer Vollpfosten.» Andreas Pavlic

    Markus Köhle: Land der Zäune Sonderzahl 2025 240 Seiten, 25 Euro

  • Splitter des  Lebens

    Splitter des Lebens

    Splitter des Lebens

    TEXT: KERSTIN KELLERMANN

    Fritz Wotruba: Große liegende Figur, 1951–53

    Germaine Richier: La Sauterelle/Die Heuschrecke, 1946/1956

  • Splitter des Lebens

    Splitter des Lebens

    Foto: Johannes Stoll / Belved

    Splitter des Lebens

    Aus Fundstücken von der Straße neue Welten bauen oder unheroische Mahnmäler schaffen. Die Ausstellung Wotruba International zeigt das Werk des Bildhauers und seinen Bezug zu internationalen Künstler:innen.

    TEXT: KERSTIN KELLERMANN

    Fritz Wotruba: Große liegende Figur, 1951–53

    Täglich streifte die Bildhauerin Louise Nevelson durch die Straßen New Yorks und sammelte Fragmente und Trümmer ein, die auf der Straße lagen – für sie Fundstücke des Lebens. Damals gab es im Stadtviertel «Little Italy» noch schönen Sperrmüll: gedrechselte Möbelbeine zum Beispiel, aber auch genug verwittertes, gebrochenes, zersplittertes Holz. In der Ausstellung Wotruba International im Belvedere 21 wird nun endlich das Werk Black Wall (1959) in Österreich gezeigt. Nevelson entstammte einer Holzhändlerfamilie nahe Kiew, schon ihr Großvater war Holzhändler gewesen. Ihre Familie emigrierte 1905 ins amerikanische Rockland in

    Maine. Aus ihren Fundstücken von der Straße baute Louise Nevelson dann «babylonische Himmelskathedralen» – riesige Kunstwerke, aus Holzkästen getürmt, in denen ihre ganzen Fundstücke versammelt sind, einheitlich in Schwarz, Weiß oder gegen ihr Lebensende hin in Gold gestrichen. Sie wollte die Splitter des Lebens in eine andere Realität heben, spirituell erhöhen sozusagen, kaputte Vergangenheiten transformieren.

    Hausangestellten und eines tschechischen Schneiders wollte er einen Neuanfang nach dem Nationalsozialismus wagen. Ihm wurden aber weiter Steine in den Weg gelegt. Wotrubas unheroisches, archaisches Mahnmal Mensch, verdamme den Krieg in Leoben war 1938 abgetragen worden. Im wunderschönen Katalog wird genau erklärt, in welchen Werkphasen Wotruba sich den künstlerischen Methoden der internationalen Bildhauer:innen annäherten. Mit der britischen Bildhauerin Barbara Hepworth verbanden Wotruba die Bezüge zu Natur und Landschaft und die documenta in Kassel. Hepworths mysteriöse Pastorale (1953) ist geschwungen und aus weißem Marmor. Durch Öffnungen gewährt sie Durchsicht, integriert das Dahinter und das Davor, während Wotruba kantig und wuchtig bleibt. Mit der Großen liegenden Figur (1951–53) verarbeitet Wotruba die Trauer über den frühen Tod seiner Frau Marian. Der Schriftsteller Elias Canetti nahm an der großen Skulptur «die Entstehung des Lebens aus Pflastersteinen» wahr. Fritz Wotruba ­wurde international weitaus bekannter als in Österreich. Nun zeigt ihn das Belvedere als Künstler, der im Zusammenhang zum Schaffen anderer steht – er wird in seiner Zeit verankert. ■

    Hockende Heuschreckenfrau. Da die Fritz Wotruba Privatstiftung vor drei Jahren dem Belvedere den gesamten Nachlass des Bildhauers übergab, wurde nun eine großzügig kuratierte Schau, erweitert durch Positionen von fünfzehn internationalen Künstlerinnen, möglich. Die hockende Heuschreckenfrau mit den dünnen Beinen und erhobenen Händen von Germaine Richier (Die Heuschrecke, 1946/56) wirkt gruselig und bleibt im Bildgedächtnis hängen. Fritz Wotruba war im Schweizer Exil mit Germaine Richier befreundet, deren Werk lange in Vergessenheit geriet. Wotruba war schon 1933 mit seiner jüdischen Frau vor den Deutschnationalen in die Schweiz geflüchtet, und 1938 dann noch einmal. «Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung wird die ­abbildartige Skulptur in Frage gestellt», heißt es bei einer Führung. Wotruba wurde als einer der wenigen Künstler:innen vom offiziellen Österreich zurückgeholt. Als jüngstes von acht Kindern einer ungarischen

    Foto: Kunstmuseum Bern © Bildrecht, Wien 2025

    Wotruba International Bis 11. Jänner 2026 Belvedere 21 Arsenalstraße 1, 1030 Wien www.belvedere.at

    Germaine Richier: La Sauterelle/Die Heuschrecke, 1946/1956

  • Ein Leben in Cyan

    gi Ein Leben in Cyan

    otanikerin, Zeichnerin, Blaudruckerin. Anna Atkins, zeitlebens öffentlich kaum anerkannt für ihre Arbeit, ist heute nicht mehr wegzudenken aus der Kunst der botanischen Cyanotypien. Dieser blau-weißen Bilder, die durch die Reaktion von Eisenverbindungen mit UV-Licht entstehen, Fotogramme, detaillierte Abdrücke von allem, was man auflegt. Anna Atkins legt Algen auf. Weil in ihren Augen «die Cyanotypien eine Verortung sind, Bleibendes schaffen. Für all diese Algen.»

    Ende des 19. Jahrhunderts kommt Atkins im Südosten Englands zur Welt, hineingeboren in einen Kreis von Forschenden, in dem sie intellektuell wachsen darf – auch wenn die Universitäten ihr als Frau den Zugang verwehren. Ihr alleinerziehender Vater, John Children, sorgt dafür, dass sie mit den Entwicklern fotografischer Verfahren in Berührung kommt. Atkins gilt mit ihrem knallblauen Algen-Herbarium als die allererste Fotografin. Mit Für Anna. Eine Belichtung hat Simone Scharbert eine ungewöhnliche Biografie geschrieben, die ähnlich mäandert und Schritt für Schritt forscht, wie es Atkins selbst getan haben mag. Poetisch nähert sie sich dem Alltag der Fotografin an, spart nicht aus, welche Rolle die Kolonialmacht England zu ihren Lebzeiten spielte und woher auch ihr, Atkins’, Geld kam. Erzählt von Beziehungen zu Menschen. Aber vor allem von der Beziehung zum Licht, das Atkins durchs Leben trägt. lib

  • Wir schicken einen  Song ins All

    Wir schicken einen Song ins All

    ART.IST.I

    Wir schicken einen Song ins All

    Golden Voyager Record Vol. III ist das neue Album der feministischen Indie-Popband Das Schottische Prinzip. Sängerin, Songwriterin und Bandleader Julia Reißner spricht über Skihüttenmusik, die harte Arbeit einer Musikerin und Nachrichten an Außerirdische.

    INTERVIEW: ROBERT FISCHER FOTO: JANA MADZIGON

    Wie bist du zur Musik gekommen? Julia Reißner: Meine Schwester hat auf ­einem alten Klavier gespielt, das irgendwann in unserem Keller aufgetaucht ist. Ich begann, auch darauf herumzuklim­pern und mir das Spielen übers Inter­net autodidaktisch selbst beizubrin­gen. Irgendwann ist mir klargeworden: In jeder Skihütte gibt es eine Gitarre, aber nirgends ein Klavier. Und so habe ich mir letztendlich eine Gitarre ge­kauft. Meine Eltern haben nur Austro­pop oder Jazz gehört. Rock habe ich als Jugendliche vor allem über meine Ge­schwister, Freunde und das Internet kennengelernt. Sehr beeinflusst wur­de ich von der Indie-Band Grant aus Klosterneuburg.

    Das Schottische Prinzip hast du 2019 gegründet, der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Ich wollte immer schon in einer Band spielen, war aber eher ein Spät­starter. Über Kontakte zur Musik-Uni­versität Wien habe ich angefangen, Mu­sikerinnen für Das Schottische Prinzip zu suchen. Es entstand bald eine fixe Be­setzung, und wir haben ziemlich schnell unsere ersten Auftritte gespielt. Beim zweiten Gig im Café Carina war zufällig Ernst Molden im Publikum. Nach dem Gig sprach mich Ernst beim Rauchen vor der Tür an und outete sich als Fan. Ich war total überrascht und ­wusste im ersten Moment nicht, was ich sagen soll. Kurze Zeit später hat er uns dann eingeladen, beim Theaterfestival HIN & WEG in Litschau aufzutreten, und den Vorschlag gemacht, unser Debüt für sein Label aufzunehmen. Das ging alles ziemlich schnell.

    Ist ein Konzept-Album rausgekommen? Ja und nein. Ich dachte mir, Golden Voyager Record Vol. III ist ein cooler Ti­tel für ein Album, und dann haben wir mit diesem Thema künstlerisch gear­beitet. Es sollte ein kurzer Abriss dar­über sein, was das Menschsein eigent­lich ausmacht. Was hat ein Mensch für Gefühle, welche Feinheiten gibt es da? Es geht um Liebe, Freundschaft und so weiter, also eigentlich große Themen, die wir dann in den Songs sehr subjek­tiv abgehandelt haben.

    „Golden Voyager Record Vol. III“ ist euer aktuelles Album. Woher kommt der Name?

    Der erste Track «Luftverschmutz­ung» ist eigentlich aus einem Unipro­jekt zum Thema Müll entstanden. Mein Studienkollege Eddie van Gemmern hat einen Text geschrieben, den ich vertont habe. Darin ging es um die be­rühmten Golden Voyager Records, das sind Datenplatten mit Bildund Audio­Informationen, die 1977 an Bord der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins All geschickt wurden. Die Datenplat­ten sollten als Information für Außer­irdische dienen, darauf zu hören sind z. B. Walgesänge, Affengebrüll, Mozart, Beatles, Chuck Berry sowie eine Bot­schaft von Kurt Waldheim. Wir dach­ten uns: Hey, eigentlich könnten wir einen neu­en Song schreiben, der das korrigiert, und den dann ins All schicken! Das war quasi der An­stoß zum neuen Album.

    Wir wollten den Pro­duktionsprozess an­ders gestalten als bei unserem Debüt Jolly. Die Produktion lief über ­einen länge­ren Zeitraum, wir hatten dadurch mehr Möglichkeiten im Studio, haben die Gi­tarre mit mehr Spuren aufgenommen, konnten mehr Overdubs machen usw. Auch beim Einsingen der Vocals habe ich etwas mehr Freiheiten gehabt. Es gibt auf der neuen LP stärkere elekt­ronische Einflüsse, wir haben u. a. E­Drums, Synthesizer und bei der Stim­me auch etwas Auto-Tune verwendet.

    Beim Durchhören des Albums beein­druckt deine extrem wandlungsfähige Stimme. Ich hatte eine Zeit lang eine starke Mittelstimme, die war dann auf ein­mal weg und es hat sich gut ergeben, dass ich erst später mit der Band be­gonnen habe, weil ich jahrelang nicht singen konnte. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass ich ja gar nicht in der Mitte singen muss, sondern auch sehr tief oder sehr hoch singen kann. Auf diese Art konnte ich meine Schwä­che zur Stärke verwandeln. In den letz­ten Jahren kam die mittlere Stimme wieder zurück. Dadurch habe ich an­gefangen, mit meiner Stimme mehr zu experimentieren und sie ganz un­terschiedlich einzuset­zen. Ich wollte eigentlich immer eine Sängerin mit großer Persönlichkeit so wie Nina Hagen oder Ja­nis Joplin sein. Es gibt diese Leute, die einfach alles perfekt singen kön­nen, aber da gehöre ich leider nicht dazu.

    «In jeder Skihütte gibt es eine Gitarre, aber nirgends ein Klavier»

    Musikerin sein ist harte Arbeit. Wie geht es dir damit? Manchmal fühle ich mich wie eine neoliberale Vorarbeiterin. Du musst sehr viel leisten, auch körperlich, he­rumfahren zu Gigs, proben, Verstär­ker schleppen, singen, mit Leuten re­den, vorm PC sitzen, Videos schneiden usw. Du musst fit sein, gesund bleiben und eigentlich immer schon den nächs­ten Schritt im Kopf haben. Du musst als Musikerin immer dabeibleiben, hast ­eigentlich nie frei, darfst nie schlapp machen und wirst zu Beginn auch nicht viel verdienen. Es gehören irrsinnig vie­le Kompetenzen dazu, und du bist vom Prestige her trotzdem nicht am Niveau einer Anwältin oder einer Ärztin – ob­wohl ich glaube, dass Kunst und Kultur für uns alle und für die Gesellschaft sehr wichtig sind. ■

    Das Schottische Prinzip: Golden Voyager Record Vol. III (CD, Vinyl) Bader Molden Recordings 2025 Live: 7. November, 21 Uhr Lucia, 8., U-Bahn-Bögen 24/25

    Augustin-Musikarbeiter zum Debütalbum Jolly: www.augustin.or.at/im-prinzip-eine-band

    Das Schottische Prinzip, im Hinterzimmer des (danke!) Café Hummel. Von links nach rechts: Viktoria Mezovsky (Gitarre), Julia Reißner (Gesang), Jana Mitrovic (Bass), nicht im Bild: Jennifer Gitschner (Drums)