Plötzlich ist alles Soziale und Menschenrechtliche unmöglich, kompliziert, es braucht Expert:innen bla bla bla. Wir entwickeln uns zurück. Neandertaler mit E-Bikes, die fliegen können. Hilfe! Ist es wirklich so weit, dass wir Humanismus neu aufrollen müssen? Menschlichkeit das neue Fremdwort? Die Liebe wird gesucht und aus dem Versteck geholt? Werden Kinder einer «Psychomotorischen Beeinträchtigungsgefahr» ausgesetzt? Merkt ihr, wie ich denke, könnt ihr meine Worte fühlen? Ich gehöre zu der kleinsten Minderheit auf der Welt. Eine Spezies, die vom Aussterben bedroht ist: Die UNIVERSALISTINNEN. Gen X, sofort aufwachen!!! «Gebt den Kindern das Kommando» funktioniert nicht und dass zu viele Männer auf einem Haufen nie etwas Gutes bringen, wissen wir auch. Wir sind die Generation, die die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs gespürt hat. Das Entsetzen. Die Mehrheit wollte keinen Krieg. Der Slogan «Make love not war» hatte eine reale Botschaft. Emotionales Chaos wird uns von außen zugefügt. Ich kriege alles mit. Wie wir, die Niemand:innen (ich liebe es, Begriffe zu erfinden), systematisch verkackt werden und Manipulationen ausgesetzt sind, die nicht jedes Hirn verträgt. Ich bin so verzweifelt, dass ich mir Trost bei Carl Gustav holte. Ja der Jung, und er hat gewirkt. Grins … Die Arroganz und Verachtung, mit der uns die Herrschenden behandeln, ruft einen multiseitlichen Widerstand hervor. Logisch. Die Geschichte wiederholt sich. Doch dieses Mal hat das Böse nicht mit der neuen Klugheit gerechnet. Das Spiel ist eröffnet. Krieg oder Frieden? Ich bin Team Friede. (Vielleicht sollte ich euch über meine außergewöhnliche und schöne Kindheit erzählen, das Elixier meines idealistischen Optimismus.) Ein Satz zum Nachdenken: Born and raised in H*tlers Kingdom. Sich für Frieden zu entscheiden, ist ein Akt der Selbstlosigkeit.
VON GRACE MARTA LATIGO
Ich bin Team Friede
PS: Freiheit für OBs (OBs sind Menschen ohne Bekenntnis)
Hier schreiben abwechselnd Nadine Kegele, Grace Marta Latigo und Weina Zhao nichts als die Wahrheit.
Genossenschaftlicher Konsum Mitbestimmung, auch zum Sozialtarif
Preisdumping, Arbeitsausbeutung und Lebensmittelverschwendung dominieren die Diskussion über den Lebensmittelhandel seit Jahren. Ein ernstzunehmender Strategiewechsel, weg von der Profitmaximierung auf Kosten aller, ist bei Rewe, Spar und Konsorten nicht in Sicht. Das will der Mitmach-Supermarkt mila in Wien-Meidling anders machen. «Wir sind nicht nur Kund:innen, sondern auch Eigentümer:innen unseres Supermarkts», sagt Brigitte Reisenberger. Das biete die Möglichkeit mitzugestalten und mitzubestimmen, wie der Supermarkt aussehen, und was er im Sortiment haben soll: bevorzugt regional, umwelt-, tierund arbeiter:innenfreundlich. Geöffnet ist der Mitmach-Supermarkt ab 10. Oktober, ganztags außer Mittwoch und Sonntag. Brigitte Reisenberger ist Pressesprecherin, aber auch eines von über 1.000 Mitgliedern. «Durch die Mitarbeit» – jedes Mitglied arbeitet drei Stunden pro Monat – «schaffen wir es, super Lebensmittel zu vergleichsweise günstigen Preisen zu ermöglichen.» Der Einkauf bei mila ist Mitgliedern vorbehalten. Das wird man, indem man Genossenschaftsanteile um 180 Euro kauft bzw. um 20 Euro zum Sozialtarif, «einmal im Leben, nicht monatlich», betont Reisenberger. Ein Soli-Topf soll zukünftig Mitglieder mit wenig Geld beim Einkauf unterstützen. cma
Ist mutig sein immer mit Adrenalin, Risiko, Freigeistigkeit und Aufwand verbunden?», fragt Maureen Reitinger und stellt zugleich herkömmliche Vorstellungen von Mut infrage. Denn es sind von «Patriarchat und Kapitalismus» geprägte Zuschreibungen. Welche Kräfte, körperlich und seelisch, es erfordert, um gegen Diskriminierung anzukämpfen, erzählt Maureen Reitinger in Mut und ermuntert zum gemeinsamen Handeln. In ihrem Essay erzählt die Autorin autobiografisch vom täglichen Kampf gegen Homophobie, Misogynie und Rassismus und bezieht Erfahrungen von Menschen mit ein, die «am Rande einer Mehrheitsgesellschaft stehen und aufgrund ihrer Geschlechteridentität oder ethnischen Herkunft Hass erleben und diskriminiert werden». Als Ergebnis eines Jahre andauernden Entwicklungsprozesses steht Reitingers «MUT-Liste», die Vorsätze wie «Widerstand leisten gegen Ungerechtigkeiten» markiert und indirekt dazu aufruft, neue Sichtweisen einzuüben, um solidarisch gegen Zuschreibungen von außen vorzugehen. Cornelia Stahl
In Wiens erstem selbstverwalteten Jugendtreff, die GaGa, lebten rund achtzig junge Punks. Der heute 70-jährige Vali, der ein Punk-Archiv sein Eigen nennt, erinnert sich an die wilden 1980er-Jahre.
TEXT: KERSTIN KELLERMANN FOTO: MICHAEL BIGUS
Ein Zirkuszelt am Gelände des Wiener Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe! Punkbands, wie Die Böslinge, die 1981 am Steinhof auftreten! «Dirt Shit lösten sich leider schon 1980 auf», erzählt Vali, der behauptet, einer der ersten Punks in Wien gewesen zu sein. Wie als Beweis zeigt er ein Plakat von dem Zirkuszelt-Auftritt am Smartphone her. In Wien gab es in den 1980er-Jahren die Bands Chuzpe, Pöbel, die Frauenband AGEN 53 und die Mordbuben AG. Beim Interview beschreibt Vali die GaGa so: «Die Gassergasse war ein großes Gebäude, eine ehemalige Milchfabrik. Es gab eine Schule, ein Hippie-Beisl, eine Autowerkstatt und das Punkbeisl.» Die Punks seien für die Sozialarbeiter:innen das Letzte gewesen. Aber die «Schnorrer im ersten Stock», die von Entrümpelungen lebten, hätten die jungen Punks unterstützt. Im Punk-Proberaum im Keller gab’s ein Matratzenlager. Da übernachteten solche Punks, die nicht heim konnten.» Das autonome Kulturund Kommunikationszentrum Gassergasse war von der Stadt Wien 1981 unterschiedlichen Gruppen zur Selbstverwaltung übergeben worden.
Vali ist heute 70. Als Jugendlicher war auch er in der GaGa
Gröbere Eltern Probleme. Kurz darauf wurde die GaGa vom Soziologen Herbert Grabner wissenschaftlich untersucht. Mit 40 Jahren Verspätung wurde seine Studie jetzt erstmals veröffentlicht. Darin erzählt ein 16-jähriges Mädchen: «Des hab i noch nie vorher erlebt, des Verständnis von de Leut …, und durt warn solche Leut, die genau dieselben Probleme ghabt ham wie i …, i bin mir des erste Mal ned unterdrückt vorkummen.» Auffällig ist, dass um die achtzig sehr junge Punks die Gassergasse bevölkerten, alle zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt. «Einer war sogar erst vierzehn», erzählt Vali, «der ist heute Tätowierer.» Nicht wenige Punks kamen damals aus einer Hauptschule im 3. Bezirk, so auch die Band Dead Nittels. Die meisten hatten ganz normale Eltern aus Arbeiter:innenfamilien und hielten sehr zusammen. Manche junge Punks hatten aber schon gröbere Probleme im Elternhaus. Einer der im Buch Interviewten wurde schon mit fünf Jahren bei der Kinderübernahmestelle abgegeben. «Meine Mutter konnte sich mich nicht mehr leisten», sagte er mehrmals! Als Jugendlicher darf er nur drei Wochen im Obdachlosenheim bleiben, und eine Anmeldung war in der GaGa nicht möglich – daher waren staatlicherseits die Punks Obdachlosen quasi gleichgestellt.
«lumpenproletarische Selbststilisierung» drehte. So dachte der Autor damals, dass sich in der GaGa die Unterschicht emanzipierte – eine These, die er im neu geschriebenen Vorwort nicht mehr teilt. «I hab des überhaupt ned glauben können, wie s’ die GaGa abgrissen haben … es war irgendwie a eigene Wöld … a Häuserblock … des Schönste, was ma si vorstellen kann … und i hab des erste Mal in meinem Leben a Z’haus ghabt. Und jetzt ist alles aus», beschrieb eine junge Frau ihre Gefühle nach der Räumung. Ein «willkommener» Anlass für die Räumung sei gewesen, dass die Punks von einem ihnen suspekten Mann aufgehetzt wurden, brennende Reifen auf die Straße zu werfen, erzählt Vali. «Da sind die Autofahrer natürlich ausgezuckt. Nach der Räumung merkten die Punks, dass sie reingelegt worden waren.» Im Juni 1983 wurde die GaGa geräumt – es gab über 100 Festnahmen! – und das Gebäude sofort mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Valis Opa war Sozialist und beim Schutzbund aktiv. Andere Punks hatten Vorfahren, die als «Jenische» oder «Politische» im Widerstand oder im KZ waren. Die ständige Auseinandersetzung mit Nazis kommt auch im Buch vor: «Die Skinheads san unguade Typen. Nazis, die stehn auf den Panenka (Antonín Panenka: Tschechoslowakischer Fußballspieler, Anm.) und san selber Rassisten.» Oder: «Das Faschistische an unserem System lehnt dieser Punk ab. Er bekennt sich dazu, die Gesellschaft zu hassen. Bürgerkrieg ist o. k., Atomkrieg ned, wär mir oba a wurscht.» ■
«Meine Mutter konnte sich mich nicht mehr leisten»
GaGa-Punk
Herbert Grabner: Die Punks der Wiener Gassergasse. Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984 Bibliothek der Provinz 2025 200 Seiten, 22 Euro
Der schönste Häuserblock. Das Buch ist erstaunlich, wenn man von der zeitgemäßen soziologischen Einschätzung aus 1983/1984 (!) absieht, die sich um «Delinquenz» oder um
In Wiens erstem selbstverwalteten Jugendtreff, der GaGa, lebten rund achtzig junge Punks. Der heute 70-jährige Vali, der ein Punk-Archiv sein Eigen nennt, erinnert sich an die wilden 1980er-Jahre.
Herbert Grabner: Die Punks der Wiener Gassergasse. Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984 Bibliothek der Provinz 2025 200 Seiten, 22 Euro
Bis jetzt noch nie gekauft 1x/Monat Jeden Tag Fast jede Woche Kaufe jede Ausgabe 3-4 Mal im Monat (Fast) immer Meistens Immer wieder gerne …
30 Jahre Augustin, ausgestellt im Wien Museum. Die Eröffnung war ein rauschendes Fest, mit alten Freund:innen und neuen Bekannten. Draußen und drinnen wurde performt, musiziert, getanzt und getratscht. Und angestoßen auf die nächsten 30 Jahre, in denen der Augustin weiter aus den Tiefen der Stadt berichtet – und die Armen, die Outlaws und die Vagabund:innen sich ihren Platz in der Welt nicht nehmen lassen.
Besucher:innen der Ausstellung haben unsere Fragen beantwortet
FOTOS: MICHAEL BIGUS
Was würde dich dazu bringen, den Augustin öfter zu kaufen?
Weniger Kommentare & Kolumnen
Mehr echtes Leben
Nices, modernes Cover! Ganz wichtig
Bettler*innen unterstützen
Modernere, hübschere Covers
Mehr neue Ausgaben, z. B. wöchentlich
Coole Cover
…
Applaus! Augustin-Verkäufer:innen performen Alltag und Utopie
Worüber sollte der Augustin unbedingt berichten?
Schräge Dinge + arge Sachen
Über arme Leute, die ihr Leben meistern
Für mich schreibt der Augustin genau richtig
Wie sich das Leben der wohnungslosen Menschen in Wien im Laufe der Jahre verändert hat …
30 Jahre Augustin – undenkbar ohne die zahllosen Kolleg:innen, Unterstützer:innen, Leser:innen, Freund:innen und (Lebens-)Künstler:innen, die den Augustin im Herzen und in die Welt hinaustragen. Wir sagen DANKE! Das Festprogramm zum Nachlesen gibt es hier: www.augustin.or.at/30-jahre
Mehr als eine Zeitung. 30 Jahre Augustin Bis 23. November, Eintritt frei www.wienmuseum.at/30_jahre_augustin
Drei aus dem Qwien-Team: Max Sohm, Hannes Sulzenbacher, Harriet Leischko
«Ein sehr breiter Begriff von queer»
Seit dem Sommer residiert das Qwien in Margareten. Gegründet als Graswurzelarchiv ist es heute Museum, Forschungsstätte und Veranstaltungsraum mit hohem Anspruch und viel Humor.
TEXT: MAGDALENA MAYER FOTOS: CAROLINA FRANK
Der neue «Scanner-Ferrari» ist eines der ersten Dinge, die Hannes Sulzenbacher in den Räumen des Qwien in der Ramperstorffergasse zeigt: eine Anschaffung für das Depot in der obersten Etage der im Juni bebezogenen Räumlichkeiten in Margareten, von der Sulzenbacher sichtlich selbst ein bisschen beeindruckt ist. Sie sei nötig gewesen, um Archivstandard herzustellen, denn nach dem Umzug aus dem 4. in den 5. Bezirk spiele man jetzt in einer anderen Liga. Schon seit 2011 leitet der Theaterwissenschaftler und Ausstellungskurator (dessen zweites Standbein das Jüdische Museum Wien ist, wo er als Chefk urator arbeitet) zusammen mit dem Historiker Andreas Brunner das Qwien. Damals haben sie es als Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte gegründet: «Das war ein kleines Graswurzelarchiv», erinnert Sulzenbacher an die Anfänge.
Vom Archiv zum Zentrum. Mittlerweile wurde das Projekt in «Zentrum für queere Kultur und Geschichte umbenannt» und «ein sehr breiter Begriff von queer darübergelegt», holt er nun beim Rundgang in Margareten aus: Queer sei für sie ein wandelbarerer Begriff, der vieles beinhaltet und ermöglicht. Mit dem Standortwechsel machten sie nach der Namensund Schwerpunktänderung einen weiteren Schritt hin zu einer Neuausrichtung. Qwien ist mit 900
Quadratmetern auf zweieinhalb großzügigen Stockwerken merklich größer geworden. Die Stadt hat diese Schaffung eines queeren Kulturzentrums mit Finanzierung aus dem Kulturund Bildungsbudget und mit Projektförderung unterstützt. Auch das Team hat sich um rund zwei Drittel vergrößert: Es gibt viel zu tun, stabile Strukturen wollen aufgebaut und die Kommunikation nach außen wohlüberlegt werden. «Nach der Übersiedelung stehen wir auf breiteren Beinen, wir wollen jetzt auch als eines der Wiener Museen wahrgenommen werden», sagt Sulzenbacher. Zur Eröffnung plakatierten sie in knalligem Rosa quer durch Stadt «We’re here, we’re Qwien» (ausgesprochen werde das wie «Queen»), außen am Haus wehen seitdem bunte Fahnen mit dem Logo. Jetzt sichtbarer zu sein, sei schon ein Statement, und der Auftrag, die neue Museumsauszeichnung zu erfüllen, momentan eine der wesentlichen Aufgaben.
Minderheitenfragen) und neben dem Scanner noch etwas, womit Sulzenbacher «ein wenig aufschneiden kann»: Hier hätten sie die «vermutlich drittgrößte Zeitschriftensammlung Europas» zur queeren Geschichte, die inzwischen zur Gänze inventarisiert und online recherchierbar ist, «dank unserer Schar an Praktikant:innen und wissenschaftlicher Mitarbeiter:innen», die sich bei ihnen immer wieder melden würden. Studierende haben hier außerdem Platz für Recherchen und Seminare. Weiter unten im Haus ist die Bibliothek eingezogen, nun nicht mehr begengt wie im alten Gebäude. Tatsächlich ist im neuen Haus derzeit überall «Luft nach oben», sagt Sulzenbacher und führt das an einem Kasten in der Bibliothek vor, den er des Lichtschutzes wegen erst auf Anfrage aufsperrt und in dem noch viel Platz frei ist. Hier lagern die wertvollsten Bücher des Hauses, erklärt der Leiter und sucht die «Aslan-Bibel»: Raoul Aslan, im zwanzigsten Jahrhundert Schauspieler am Burgtheater und frommer Christ, vermerkte darin Widmungen an seinen Lebensgefährten Tonio Riedl, der dann auch Bemerkungen hineinschrieb. «Ein sehr emotionales Stück». In den Regalen nebenan reiht sich die VHS-Kassetten-Sammlung neben Klassiker der Sexualwissenschaftlichen Literatur und nischige Romane; die Büchersammlung umfasst an die 10.000 Exemplare, «grundsätzlich sammeln wir alles, wir wissen ja nicht, mit was sich die Forschung in Zukunft auseinandersetzen will». Sammlungsstücke haben es auch in die Etage mit den Büroräumen von Qwien geschafft: Möbel vom österreichischen Modeschöpfer Fred Adlmüller oder eine der Venus von Villendorf nachempfundene Statue, eine Spende aus der Türkis Rosa Lila Villa.
Luft nach oben. Nichtsdestotrotz bleibt Qwien auch eine forschende Institution, und so liegt es nahe, dass Sulzenbachers Führung durch das Haus eben im Depot beginnt. Dort lagert als Dauerleihgabe das Archiv der Liga für Menschenrechte (auch das befasst sich mit
Frisch beflaggt am neuen Standort in Margareten
«Wir wollen als eines der Wiener Museen wahrgenommen werden»
Hannes Sulzenbacher
Raus aus dem Versteck. «Wir versuchen hier jetzt auch zu zeigen, was wir haben», sagt Harriet Leischko, die vor gut einem Jahr die wirtschaftliche Leitung übernommen hat und sich zusammen mit Max Sohm dem Rundgang für den Augustin anschließt. Sohm war nicht nur als Mediengestalter bei der optischen Positionierung am neuen Standort beteiligt, sondern hat vor allem als Historiker die erste Hauptausstellung kuratiert: Geschichte machen. Ein queeres Jahrtausend in 27 unglaublichen
Gestapelte Geschichte: Queere Zeitschriften wie Amigo, Emma und Der Weg sind hier archiviert
queer aufzudrücken», erklärt Leischko. Gleichzeitig ist dem Leitungsteam eines wichtig: dass Qwien fortan ein lebendiges Kulturzentrum ist. Deshalb endet die Führung durch das Haus auch im ebenerdigen Veranstaltungsbereich, hier ist etwa Raum für Lesungen, nach der ersten Sonderausstellung Homo Diaries der Fotografin Sabine Schwaighofer steht die nächste Schau mit fotografischen Arbeiten von Mario Kiesenhofer an. «Wir sind am Ausloten, wie wir dashaus füllen. Wichtig ist uns, dass wir eine gute Nachbarschaft haben. Man muss bei uns keine Schwellenangst haben, es ist ein Ort für alle», sagt Sulzenbacher. Das spiegele ihre erste Schau mit den 27 Objekten im Besonderen: «So zeigen wir, dass wir uns der Geschichte mit Humor nähern können, aber Themen besprechen, die von allgemeinem historischen Interesse sind.»
Er lässt uns auch noch einen Blick ins Archiv werfen, wo die Sammlungsobjekte untergebracht sind. Dass die Geschichte der NS-Zeit und die damit einhergehende Verfolgung von Homosexuellen der Grundstein von Qwien bleibt, schließt nicht aus, dass hier eine bunte Mischung verschiedenster Dinge zusammenkommt – gespeist aus österreichischer queerer Kulturgeschichte, wobei Stücke von anderswo auch willkommen sind: Ein Spind aus der «Wiener Freiheit», dem legendären Treffpunkt für Schwule, Lesben und Transgender ab den späten 1980ern, steht neben Nachlässen, am Ende des Ganges liegt der «Rosa Winkel», ein plüschiges Dreieck, das der Leiter der Antidiskriminierungsstelle Wien (WASt) bei einer der ersten Regenbogenparaden trug.
Bunt, aber nicht beliebig. Die Sammlung, die auf vielen Schenkungen aufbaut, soll möglichst für alle Funde offenbleiben. «Sie soll aber nicht belanglos werden, deswegen ist es uns wichtig, auch eine gesellschaftspolitische, patriarchatskritische Komponente einzuweben und nicht nur den Stempel
www.qwien.at Ramperstorffergasse 39, 1050 Wien Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr
Bühnendekoration von «Austria’s biggest Gay Party» …
Objekten. Das Besondere an den Exponaten: Sie wurden in Zusammenarbeit mit u. a. einer Goldschmiedin, einem Maler und einem Schneider aus Wien für die Schau erst hergestellt. «Geschichte von queeren Personen musste immer versteckt werden, daher haben wir kein materielles Erbe, um sie zu zeigen», erklärt Sulzenbacher diesen Schritt; erfunden ist diese Geschichte aber nicht: Sie hätten vom 13. Jahrhundert an Quellen recherchiert und Expertise eingeholt, um keine falschen Zuschreibungen zu machen, betont Sohm. Wie labelt man Menschen, deren Geschlechtsidentität beziehungsweise Sexualität nicht eindeutig benannt werden kann, wenn in der Geschichtsschreibung Begrifflichkeiten auch noch nicht gängig waren? Ein schönes Learning, findet Sohm, dessen Lieblingsgeschichte im Ausstellungsbereich diejenige der Autorin Grete von Urbanitzky ist. Sie verfasste ein frühes Beispiel lesbischer Literatur, sympathisierte gleichzeitig mit dem Nationalsozialismus, ihre Bücher wurden auf die schwarze Liste gesetzt, sie floh ins Exil. «Es ist interessant, zu sehen, wie auch in der queeren Geschichte oft eine doppelte Schneide da ist», sagt Sohm.
… und auch Seltenheiten wie dieser überdimensionierte rosa Plüschwinkel finden sich im Depot ■