Veranstaltung zu den «Toren zur Unterwelt» Metallene Zeugen
Festival für Stadterkundungen Urbane Zeit-Räume
Wien ist nicht nur für seine Gemeindebauten, sondern auch für sein Kanalisationssystem weltberühmt – der 3. Mann winkt heraus. Somit naheliegend, dass ihm die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) im Rahmen ihres Jahresschwerpunktes zum Thema «Infrastruktur und Transformation» einen Abend widmet – genauer den Kanaldeckeln, den «Toren zur Unterwelt». Klingt nicht nur nerdig, ist es auch: «Als metallene Zeugen eröffnen sie mit ihren dechiffrierbaren Zeichen ein spannendes Forschungsfeld und machen so Infrastrukturgeschichte zu einem wesentlichen Teil der Stadtbaugeschichte», wie es im Programmtext heißt. Vorträge von Harald Stühlinger (Kunsthistoriker an der TU Wien) und Wolfgang Salcher (Landeskonservator im Bundesdenkmalamt) leiten zum Thema ein und schaffen einen Überblick, denn bereits in frühen Hochkulturen finden sich Beispiele von Kanalisationssystemen, die mit der Entstehung von Großstädten ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu integralen Infrastrukturnetzwerken unter Straßenniveau geworden sind. Im Anschluss folgt eine Diskussion unter der Leitung von Maik Novotny (Architekturjournalist und Vorstandsvorsitzender der ÖGFA). reisch
Die Architektin Anupama Kundoo wollte einfach authentisch leben und Bauten voller Fülle realisieren. Es ist ihr gelungen.
INTERVIEW: ISABELLA MARBOE
Das Architekturzentrum Wien zeigt gerade die Ausstellung «Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo». Reichtum und Kapital sind ja fast synonym. Wie lässt sich das verstehen? Anupama Kundoo: Ich habe früher meine Architektur vor allem sozioökonomisch und ökologisch verstanden, die Kuratorinnen Elke Krasny und Angelika Fitz extrahierten daraus den antikapitalistischen Aspekt. Ich muss ihnen ein Kompliment machen, es gab noch niemanden, der meine Arbeit aus dieser Perspektive betrachtet hat. Es ist wirklich wichtig, weil keiner darüber spricht, dass Architektur immer mehr zu einem Real Estate Business geworden ist. Ich glaube, der Titel ist absichtlich ein wenig provokant. Kapital ist für viele das Ziel geworden, dabei sollte Reichtum das Ziel sein. Eine Art von Reichtum, die Geld nicht sicherstellen kann. Geld ist keine Garantie dafür, dass du Freunde hast und nicht allein bist.
war genauso hoch wie mein Einkommen. Auch wir hatten gelernt, dass die westliche Architektur der unseren überlegen ist. Dabei hatten wir in Indien schon lange, bevor die Briten kamen, eine Ziegeltradition. Sie ist 3.800 Jahre alt ist. Diese Ziegel trocknen übrigens an der Luft, sind unregelmäßig, kosten aber viel weniger Energie. Man macht sie aus dem Ton der Gegend und brennt sie in Stapeln auf dem Feld, nicht in Industrieöfen. Ich wollte also mein Land kennenlernen und zog einfach los. Ein glücklicher Zufall führte mich nach Auroville in Südindien, eine experimentelle Stadt, die im Jahr 1968 gegründet wurde. Ihr Architekt Roger Anger legte sie schon damals als Stadt für Fußgänger:innen an. Das Land gehörte allen, die Menschen sollten ein kollektives Leben führen, es gab eine Gemeinschaftsküche, vieles wurde geteilt,
um Zeit für Forschung und Experimente zum Fortschritt der Gesellschaft frei zu machen. Auroville wird oft als Utopie bezeichnet, ich nenne es lieber ein Labor für materielle und spirituelle Forschung und Experimente. Ich konnte bis hin zum Städtebau sehr viel entwickeln.
Fangen wir ganz grundsätzlich an. Wie sind Sie zur Architektur gekommen? Ich mochte Biologie, Physik, Mathematik, liebte es aber auch, zu zeichnen und zu malen. In mir gab es einen Konflikt zwischen dem mathematischen und dem künstlerischen Denken. Als ich in Bombay mein Architekturstudium begann, wusste ich sofort: Das ist meine Berufung.
Das erste Projekt auf Ihrer Website hat mich in seiner Bescheidenheit und Schönheit sehr berührt: Es ist eine kleine Hütte in Petite Ferme, die ganz nach anonymer Architektur aussieht. Ihr Erdgeschoss besteht aus massiven Steinblöcken, darüber ein Holzgeflecht, eine Schlafgalerie unter dem steilen Dach. Zwischen die Holzlatten fällt Licht, eine einfache Leiter führt durch eine Dachluke hinauf, der Boden ist aus geflochtenen Strohmatten. Können Sie die Geschichte dieser Hütte erzählen?
Sie haben Ihr Studio im unfassbar jungen Alter von 23 Jahren in Auroville eröffnet. Viele Ihrer Projekte entstanden dort. Was ist das für ein Ort und wie hat es Sie dorthin verschlagen? Ich wuchs in der High-Density-Stadt und Megacity Bombay auf. Nach meinem Studium zog ich von zu Hause aus, und die Miete meiner kleinen Wohnung war genauso hoch wie mein Einkommen.
Das ist tatsächlich mein eigenes Haus. Ich lebte dort zehn Jahre, von 1990 bis 2000 war diese Hütte mein Zuhause. Als junge Frau dachte ich viel darüber nach, wie ich Architektur praktizieren sollte. Der Beruf hat sich so entwickelt, dass heute schon der Developer der Architekt ist. Es gibt diese Vorstellung, dass Architekt:innen nie genug Schlaf bekommen, immer arbeiten, immer Wettbewerbe machen müssen, ständig unter Strom stehen. Für mich machte das keinen Sinn. Ich wollte meine Bedürfnisse radikal reduzieren und Zeit gewinnen, um konsequent an der Zukunft zu arbeiten. Ich wollte authentisch sein und tun, was ich für richtig hielt. Allein das genügte, um eine Rebellin zu sein. Ich erlebte auch viel Widerstand.
Wo haben Sie sich die Fähigkeit erworben, so eine Hütte zu bauen? Ich habe sie nicht selbst gebaut, ich habe nichts davon neu erfunden. In Indien bauen sich viele in den sogenannten informellen Siedlungen solche Hütten. Auch in Auroville lebten viele Pionier:innen so. Sie wissen, wie sie mit den unregelmäßigen, natürlichen Formen der Holzäste und Stämme umgehen müssen. In einer normierten Welt ist man gezwungen, Industrieprodukte zu nutzen. Man muss also oft überdimensionierte Teile verwenden. Allein der Zuschnitt eines rechteckigen Querschnitts aus einem runden Baumstamm erzeugt viel Abfall. Das Holz meiner Hütte stammt von einer Kasuarine. Diese Art wird in Indien oft zur Aufforstung genutzt, weil sie so rasch wächst. Vor allem aber wächst sie sehr gerade, deshalb sind Baugerüste aus diesem Holz. Es ist sehr hart, die Konstruktion ist mit Seilen verbunden. Man macht sie aus der Faser einer Kokosnuss, die sehr stark wird, wenn man sie befeuchtet. Sie tragen ein ganzes Geschoss. Wer so baut, muss immer neu nachdenken und spezifische Lösungen suchen. Als Architektin weiß ich um die Bedeutung von Proportion, wie Räume größer wirken und wo das Licht einfallen muss. Meine Planung bereicherte die traditionelle Bauweise um das Wissen unserer Gegenwart. Man kann nicht einfach die Vergangenheit kopieren, man muss sie weiterentwickeln. Das Haus hat ein Solarpaneel, das mich mit Strom versorgte, was damals noch sehr außergewöhnlich und nicht staatlich gefördert war. Vor dem Eingang gab es eine Terrasse, wo man draußen sitzen konnte und ich legte einen kleinen Gemüsegarten an. Außerdem hatte ich ein Motorrad. Das war mein Luxus!
Diese Hütten sind sehr schön, sie haben eine große Würde. Die Benachteiligten und Obdachlosen in unserer westlichen Welt aber sind nicht mehr in der Lage, sich selbst eine Behausung zu bauen. Sie haben oft nur noch Schlafsäcke. Was könnten sie tun? Die Armut in der Stadt ist ganz anders als die am Land. Sie hat sehr viele, komplexe Ursachen. Jede Stadt hat andere Problematiken. Es geht nicht nur um Material, es geht auch stark um den Top-down-Ansatz von Hilfe. In einer normierten Welt, in der alles geregelt ist, wird Menschen nicht mehr erlaubt, ihre Probleme selbst zu lösen. Selbst wenn sie etwas Kapital haben, ist es zu wenig für eine Wohnung. Woran man nie denkt, ist die Ressource ihrer Zeit. Eine Ausstellung von mir in Louisiana hieß Taking Time. Sie handelte von der menschlichen Zeit als Ressource. Warum schreibt man in der Architektur so viel über Raum, aber nicht über Zeit? Dabei sind Raum und Zeit unsere zwei physischen Anker in der Welt. Wir arbeiten auf dem Raum der Erde und in der Zeit der Erde. Ich habe mit Leuten gearbeitet, die obdachlos sind. Es gibt verschiedene Strategien. Zum Beispiel die einer Sharing Economy. Man kann so viel tauschen. Ich versuche aber auch, Dinge aus dem städtischen Abfall zu verwenden. Mit Studierenden der TU Berlin hielt ich ein Studio ab, das hieß «Trash is treasure». Wir gingen auf die Müllablageplätze und schauten auf den enormen Reichtum, den wir täglich wegwerfen. Ich glaube an die natürliche Intelligenz des Menschen. Jeder ist intelligent. Unsere Vorfahren konnten aus allem eine Behausung bauen. Aus Holz, aus Stroh, aus Stein, aus Lehm – sogar aus Eis. Man muss verwenden, was es vor Ort gibt und nicht über Kontinente hinweg transportieren. ■
Unsere Vorfahren konnten aus allem eine Behausung bauen
Reichtum statt Kapital Bis 16. Februar 2026 www.azw.at
Keine Villen aus der Zeit der historischen Moderne, sondern sozialer Wohnbau von Anupama Kundoo mit tragenden Wänden aus Stampflehm
«Seehöhe 162.273 Meter» – Die frisch renovierte Höhenmarke aus kakanischen Zeiten ist ein Ausstellungsobjekt des kleinen, gratis zugänglichen Eisenbahnmuseums im Bahnhof Břeclav. Internationale Tourist:innen steigen hier zwischen den sechs Hauptstädte verbindenden Eurocitys um, österreichische Radausflügler:innen bevorzugen die Anreise mit dem REX und radeln weiter zu den LiechtensteinSchlössern bei Lednice und Valtice, auch die March-Thaya-Auen samt dem Schlösslein Pohansko (großmährische Ausgrabungsstätte!) sind lohnende Ziele. Die wenigsten bleiben länger und nehmen Beppo Beyerls Na Pivo als Reiseführer zur Erkundung der vielfältig mit Wien verbundenen Grenzstadt: Hier war im 19. Jahrhundert die jüdische Industriellenfamilie Kuffner ansässig, betrieb eine Brauerei und ab 1862 die größte Zuckerfabrik der Monarchie. Die Vettern Ignaz und Jakob hatten schon 1850 in Wien die Ottakringer Brauerei übernommen, ersterer stiftete in Břeclav den Ausbau des vor Kurzem renovierten jüdischen Friedhofs, sein Grabmal weist ihn als gewesenen Bürgermeister von Ottakring aus; Sohn Moriz finanzierte aus dem Erbe in Wien die KuffnerSternwarte. Neben dem Besuch der Synagoge empfiehlt sich die Besteigung des Schlossturms: Der Fernblick reicht von den Kleinen Karpaten bis hin zu den nördlich von Mikulov gelegenen Bergen der Pálava; das Weinviertel wiederum ist an den Windrädern eindeutig erkennbar.
Text & Foto: Anton Tantner
Das Schloss Břeclav wird derzeit renoviert, nur der Turm ist zugänglich